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Tragödie im Mittelmeer : Massensterben im Meer setzt EU unter Druck

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Gerettet, aber ein ungewisses Schicksal: Helfer bergen Kleinkinder, die an Bord des gekenterten Flüchtlingsschiffes waren Bild: AP

Nach der bisher wohl schwersten Flüchtlingstragödie im Mittelmeer beraten die EU-Außenminister über Konsequenzen. Unterdessen ist ein weiteres Schiff mit 300 Menschen an Bord in Seenot geraten.

          Nach der bisher wohl schwersten Flüchtlingstragödie im Mittelmeer steht die Europäische Union unter Handlungsdruck. An diesem Montag beraten die EU-Außenminister in Luxemburg. Schon vorab werden Forderungen laut nach einer Flüchtlingspolitik, die menschlicher ist und bereits an den Wurzeln ansetzt.

          Im Mittelmeer ist am Montag offenbar ein weiteres Flüchtlingsschiff mit hunderten Menschen in Seenot geraten. An Bord seien laut einem Hilferuf mehr als 300 Menschen, teilte am Montag die Internationale Organisation für Migration (IOM) in Genf mit. Mindestens 20 Menschen seien den Angaben zufolge bereits tot. Der Hilferuf ging laut IOM in ihrem Büro in Rom ein.

          UN-Generalsekretär Ban Ki-moon rief die Weltgemeinschaft dazu auf, die Flüchtlingskrise gemeinsam zu schultern. EU-Ratspräsident Donald Tusk erwägt, einen Krisengipfel einzuberufen. Ban rief „die internationale Gemeinschaft zu Solidarität und Lastenverteilung angesichts dieser Krise“ auf. Das Mittelmeer habe sich zur „weltweit tödlichsten Route“ von Flüchtlingen entwickelt, verlautete aus dem UN-Generalsekretariat in New York. Es sei nötig, nicht nur die Rettungseinsätze auf hoher See zu verbessern, sondern auch „das Asylrecht für die wachsende Zahl von Menschen sicherstellen“. UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres forderte einen „robusten Seerettungseinsatz“ und legale Einreisemöglichkeiten in der EU.

          Flüchtlinge im Frachtraum eingesperrt

          In der Nacht zum Sonntag war rund 110 Kilometer vor der Küste Libyens ein Flüchtlingsschiff gekentert. Bis Sonntagabend bestätigte die italienische Küstenwache 24 Tote. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR waren allerdings rund 700 Menschen an Bord, von denen nur 28 gerettet werden konnten. Ein Überlebender sprach von sogar 950 Flüchtlingen an Bord, darunter 50 Kinder. Die Schlepper hätten viele von ihnen im Frachtraum eingesperrt.

          UNHCR-Sprecherin Carlotta Sami sagte dem TV-Sender RAInews24, sollten sich diese Angaben bestätigen, wäre es das „schlimmste Massensterben, das jemals im Mittelmeer gesehen wurde“. Seit einer Woche werden nach einem anderen Unglück vor der libyschen Küste zudem 400 Bootsflüchtlinge offiziell als vermisst gemeldet.

          Mittlerweile sollen nach unabhängigen Schätzungen etwa eine Million Menschen in Afrika bereit sein, das Risiko einer gefährlichen Überfahrt über das Mittelmeer einzugehen. Zu ihnen gehören christliche Schwarzafrikaner, die schon vor Jahren nach Libyen kamen, um dort zu arbeiten. Immer mehr von ihnen berichten, sie seien nun nicht nur als Fremde sondern auch wegen ihres Glaubens Opfer der Instabilität im Land und würden von ihren islamischen Nachbarn verfolgt.

          Auf ihrer Überfahrt von der afrikanischen Küste nach Europa kommen jährlich tausende Flüchtlinge um. Trotz der immer wieder auftretenden Bootsunglücke wurde 2014 die italienische Hilfsmission „Mare Nostrum“ eingestellt. Hintergrund war ein Streit in der EU, ob solche Rettungsmissionen ungewollt noch mehr Flüchtlinge zur Überfahrt ermutigen.

          Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini setzte die Flüchtlingsfrage kurzfristig auf die Tagesordnung des Außenministerrates, der am Montag in Luxemburg stattfindet. Sie reagierte damit auf Forderungen von Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi nach einem Krisengipfel. Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy warnte, Europa beschädige seine Glaubwürdigkeit, wenn es solche Flüchtlingstragödien nicht verhindere.

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