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Flüchtlingskrise : Die Whatsapp-Migration aus Marokko

Mit dem Flugzeug sei sein Bruder Anfang Januar nach Tunesien geflogen, erzählt Mehdi. Dort sei er drei Tage lang von den Behörden festgehalten worden, die ihn nach Terrorgruppen abgefragt hätten. Dann habe sein Bruder einen Bus nach Libyen genommen. In Tripolis habe er einem Libyer tausend Euro gegeben, eine Woche in dem Haus des Mannes übernachtet und sei dann in ein altes Fischerboot gesetzt worden. Zweihundertfünfzig Menschen seien darauf zusammengequetscht worden. Am zweiten Tag auf See seien sie dann von einem britischen Kriegsschiff aufgesammelt worden, das sie schließlich auf Lampedusa abgesetzt habe.

„Auf Lampedusa hat ein Übersetzer ihre Sprache überprüft“, sagt Mehdi. Als Marokkaner habe sein Bruder eine Aufenthaltserlaubnis für fünf Tage bekommen, danach hätte er Italien verlassen müssen. Jetzt sei er erst mal bei Bekannten untergetaucht, die schon länger in Italien leben. Zum Abschied fragt Mehdi: „Schickt Deutschland jetzt alle Marokkaner wieder zurück?“ Natürlich habe auch er von Köln gehört, er spricht von „Attentaten“. Auch in Sidi Moumen gebe es einige, die sich besaufen und ein leichtes Leben machen, sagt Mehdi. „Ich kenne auch Leute aus der Nachbarschaft, die nur nach Europa gingen, um zu klauen.“ Aber das sei eine Minderheit. „Es dauert ja auch etwas, bis ein Marokkaner die deutschen Verhaltensweisen übernommen hat.“

„Nach der sechsten Klasse gehen die meisten ab“

Es ist dunkel geworden in Sidi Moumen. Die fliegenden Händler packen ihren Tinnef zusammen, die Gemüsehändler beladen ihre Eselskarren für die Fahrt nach Hause. Um 21 Uhr ist kaum noch eine Frau auf der Straße. „Ab 22 Uhr sagen mir selbst die Polizisten, dass ich jetzt mal nach Hause sollte“, erzählt eine 25 Jahre alte Journalistin aus Casablanca. „Und in Richtung Mitternacht wird man hier draußen für eine Nutte gehalten.“ Und das meine sie nicht metaphorisch.

Nur das kleine Geschäft mit den Handys und Zubehör ist noch hell erleuchtet. Drei Jugendliche beugen sich über die Auslage hinter Glas, in dem das weiße Neonlicht reflektiert. Über den Gehweg rasen zwei Jungs auf einem Moped mit ihrem Testosteronspiegel entsprechendem Tempo in Schlangenlinien und zentimeternah die Hacken der Passanten entlang. Sie könnten noch zur Schule gehen. Aber wahrscheinlich ist das nicht.

„Nach der sechsten Klasse gehen die meisten ab“, sagt der Grundschullehrer Zahidi El Arbi. „Die Leute wissen mittlerweile, dass man hier auch mit einem Diplom keine Arbeit kriegt.“ El Arbis Schule ist eine von rund sechzig in Sidi Moumen, die es für die vierhundert- bis fünfhunderttausend Bewohner gibt. Sie hat 1100 Schüler, die von zwanzig Lehrern unterrichtet werden. „Vor zehn Jahren waren es noch 32 Lehrer“, sagt El Arbi. „Aber die Regierung spart und steckt ihr Geld mittlerweile lieber in den Aufbau von Privatschulen.“ Seit 1986 ist El Arbi im Schuldienst. Seitdem sei die Gewaltkriminalität zurückgegangen. Dafür aber verbreite sich auf seiner Schule die Drogenkriminalität. Dreizehnjährige würden hier schon Haschisch rauchen. „Die Händler nutzen die Minderjährigen, um Haschisch und Karkoubi zu verteilen.“ Sein eigener sechzehnjähriger Sohn will nach Europa gehen. „Migration muss nicht immer schlecht sein“, sagt Lehrer El Arbi.

Nach ein paar Tagen meldet sich Abidine über Whatsapp wieder. Er sei „NICHT mehr“ in Deutschland, schreibt er über seine deutsche Handynummer. Für den 22. Februar habe er eine Vorladung zur Gerichtsverhandlung über seine Abschiebung bekommen. Wo er jetzt sei, will er nicht sagen.

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