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Flüchtlingskrise : Die Whatsapp-Migration aus Marokko

In Sidi Moumens Quartier Attacharok sitzen drei Jungs auf einer Holzbank vor einem Imbiss, einem Bretterverschlag vor einer kleinen Freifläche in der Nähe der Straße. Sie essen ein Gericht mit Gemüse und Reis, es kostet nur zehn Dirham, knapp einen Euro. Einer fängt gerade an, davon zu erzählen, dass auch er gern nach Deutschland möchte, da schießen plötzlich zwei Fahrzeuge die Anhöhe herauf. Noch im Fahren öffnen sich die Türen, sie kommen links und rechts in wenigen Meter Abstand zum Stehen. Acht Männer in Anzügen und dunklen Pullovern steigen aus. Sie kommen sehr nah, schieben die Jungs weg und fragen nach der Autorisierung für den Aufenthalt in Sidi Moumen.

Ein „Diplom“ als Friseur, aber keine Arbeit

Die gibt es nicht, also kann sie nicht vorgelegt werden. Einer der zwei sagt, wenn man verspreche, Sidi Moumen nicht wieder zu betreten, dann müsse man nicht mit auf die Wache. Man sollte verstehen, dass man hier als Ausländer ohne Protektion nicht sicher sei. Zwei Motorradpolizisten werden gerufen. Sie fahren dem Fahrzeug der Reporter bis an eine Tankstelle am Rande des Bezirks hinterher.

Und so findet das Gespräch mit Mehdi Haddad (Name geändert) am Abend des Folgetages in einem Café in einem Teil von Sidi Moumen statt, wo die Baracken schon den tristen Apartmenthäusern gewichen sind. „Siehst du, wie wir hier leben“, sagt er, nachdem er von der Begegnung mit dem Geheimdienst gehört hat, „man kann sich nicht mal in Ruhe unterhalten.“ Mehdi Haddad ist 23 Jahre alt, trägt eine Zahnspange, Jeans und Jeansjacke. In dem Café sitzen bis auf zwei mittelalte Frauen mit Kopftüchern nur Männer. Die Alten rauchen und schauen auf die Straße, die Jungen laden ihre Handys und gucken sich eine Wiederholung des Bundesligaspiels von Leverkusen gegen Bayern München an, das von einem Projektor auf eine Leinwand geworfen wird.

Mehdi ist nach sechs Schuljahren abgegangen, so wie so viele hier. Er habe ein „Diplom“ als Friseur, aber keine Arbeit. Gemeinsam mit ein paar Freunden organisiere er manchmal etwas, „dies und das“, wenn sich ein Job ergebe. Zweimal die Woche spielen sie Fußball. Ansonsten haben sie Zeit. Mehdi erzählt von seinem Bruder, der schon einmal sechs Stunden mit auf die Polizeiwache kommen musste, weil die Beamten vermutet hatten, dass er Drogen gekauft habe. Da war aber nichts dran. Ende vergangenen Jahres habe sich sein Bruder dann auf den Weg nach Europa gemacht. Allerdings nicht über die Türkei. „Die Grenze zu Mazedonien haben sie geschlossen und lassen keinen mehr durch“, sagt Mehdi.

Wenn Griechenland nicht mehr geht, wissen das alle

Jeder weiß das hier im Viertel, auch Mehdi, der ebenfalls möglichst bald nach Deutschland möchte. Aber nach den Berichten aus Mazedonien will er erst mal abwarten, wie es seinem Bruder ergeht. Über Whatsapp und Facebook werden Informationen in Echtzeit übermittelt, manchmal an Tausende gleichzeitig. Wenn Griechenland nicht mehr geht, wissen das alle. Dann wird ein anderer Weg gesucht.

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