https://www.faz.net/-gq5-8ds44

Flüchtlingskrise : Die Whatsapp-Migration aus Marokko

Damals sei hier noch alles ländliches Gebiet am Stadtrand gewesen, erzählt sie. Ihren Strom bezahlt die Familie nicht. Ein Strommast in der Nähe wurde illegal, aber offensichtlich fachkundig angezapft und die Leitung in der Hütte bis zu den Steckdosen ordentlich verlegt. Es gibt einen Wasserhahn neben dem Schutthaufen in der Erde vor dem Haus, den die Behörden hier kürzlich installiert haben.

„Städte ohne Slums“

Die Regierung hat den Nahis ein Apartment angeboten, wenn im Gegenzug ihre Baracke abgerissen und auf dem Grundstück ein einfacher Mehrgeschossbau errichtet werden darf. Doch den Nahis reicht das Angebot nicht, auch wenn der Staat von ihnen zunächst nur eine Beteiligung von 20.000 Dirham, rund 2000 Euro, verlangt hat. „Sie wollen uns ein Apartment von fünfzig Quadratmetern mit zwei Wohnzimmern geben“, klagen die Mutter und der Sohn. „Dabei sind wir zu zehnt.“ Sie hätten stattdessen gern drei Wohnungen. „Drei verheiratete Paare wollen hier zusammenleben, die müssen doch ein eigenes Heim haben“, sagt die Mutter.

„Villes sans Bidonvilles“, „Städte ohne Slums“, heißt ein Programm des marokkanischen Königs. Es wurde ein Jahr nach den Terroranschlägen in Casablanca aufgelegt, die 2003 insgesamt vierzig Todesopfer forderten. Die Attentäter stammten wie auch die des Anschlags von 2007 aus Sidi Moumen. Damals lebten angeblich neunzig Prozent der Bewohner von Sidi Moumen in Wellblechbaracken, mittlerweile sollen es noch dreißig bis vierzig Prozent sein. Die Wellblechbaracken sind schlichten Mehrgeschossbauten gewichen, Verbindungsstraßen sind asphaltiert worden, und seit drei Jahren führt eine moderne französische Straßenbahn nach Hay Mohammadi und Sidi Moumen.

„Aus jeder Familie ist in Sidi Moumen durchschnittlich einer nach Europa gegangen“, sagt der Sozialarbeiter Aziz Dahabi, der bei einer Nichtregierungsorganisation in Sidi Moumen beschäftigt ist. „Im letzten Jahr allein waren es hier vielleicht vier- bis sechstausend Leute.“ Zwar gebe es in Sidi Moumen jetzt für viele Menschen Apartments mit richtigen Badezimmern. Aber die Arbeitslosigkeit sei die gleiche geblieben.

Flucht in die digitale Welt

Sie wird für junge Menschen hier auf dreißig bis vierzig Prozent geschätzt, wobei das schwer zu definieren ist in einem Land, in dem nur zwanzig Prozent der Bevölkerung überhaupt einen Arbeitsvertrag haben. „Die erste Generation kam vom Land nach Casablanca, um Arbeit zu suchen, dann wurde die zweite geboren und fand keine, und jetzt kommt die dritte, und alles wird immer schlimmer“, sagt Sozialarbeiter Dahabi.

Mindestens sechzig Prozent der Bevölkerung Marokkos leben heute in Städten – jedes Jahr soll sich ein weiteres Prozent der Gesamtbevölkerung in die Stadt bewegen. Und dann harrt man aus. Der Landflucht folgt die Flucht in die virtuelle Welt, nach Europa oder in das Reich des Rausches. „Unter den jungen Männern schätze ich, dass jeder dritte hier Drogen nimmt“, sagt Dahabi. „Die Dealer werden von der Polizei gegen Schmiergeld in Ruhe gelassen, die Konsumenten drangsaliert.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Der russische Präsident Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan treffen sich in Sotschi.

Syrien-Konflikt : Putin und Erdogan beraten über nächste Schritte

Knapp zwei Wochen nach dem Einmarsch türkischer Truppen im Norden Syriens trifft der russische Präsident Putin seinen türkischen Amtskollegen Erdogan zu Krisengesprächen. Reagieren die beiden auch auf einen Vorschlag aus Deutschland für eine international kontrollierte Sicherheitszone?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.