https://www.faz.net/-gq5-8ds44

Flüchtlingskrise : Die Whatsapp-Migration aus Marokko

„Die Sprache ist sein größtes Problem.“ Und nachdem es Neujahr „ein kleines Problem von einigen Frauen in einer Stadt“ gab, sei Abidine vornehmlich in seinem Haus geblieben. „Das war eine Minderheit, schlechte Menschen, aber nicht nur Marokkaner“, sagt Muhammad zum „Problem“, das es in „einer Stadt“ gab. „Sie werfen ein schlechtes Bild auf alle.“ Sein Bruder selbst habe ihm von den Vorfällen in der Silvesternacht erzählt.

Schleuser finden über Facebook

Knapp 150 Euro zahlte Abidine für den Flug von Casablanca nach Istanbul. Die Billiglinie Air Arabia aus den Vereinigten Arabischen Emiraten fliegt diese Strecke mindestens dreimal die Woche. Tickets kosten ab vierzig Euro, Marokkaner können visumfrei in die Türkei einreisen. Mitte September flog Abidine ab. Von Istanbul nach Izmir habe der Bus dann 25 Euro gekostet, wird Abidine ein paar Tage später über Whatsapp schreiben, so wie er es zuvor schon vielen geschrieben hat und wie er es zuvor wahrscheinlich auch von anderen gelesen hat. Neunhundert Euro habe er dann für den Weg von Izmir nach Lesbos bezahlt:

Den Schleuser findet man über geschlossene Facebook-Gruppen und auf Empfehlung anderer Facebook-Migranten, die schon in Nordeuropa sind. Von Lesbos nach Athen ging es für Abidine per Fähre kostenlos weiter. Von Athen gen Nordwesten sei er wieder Bus gefahren und vor allem zu Fuß gelaufen, bis er nach Deutschland eingelassen wurde. Immer habe er sich als Marokkaner zu erkennen gegeben und nicht wie viele andere seiner Landsleute den Pass in der Türkei weggeworfen, einen syrischen gekauft (gerüchteweise 200 Euro) und sich als Syrer ausgegeben, erzählt sein Bruder.

Wo ist Abidine? Muhammad Nahi und seine Mutter in ihrer Hütte in Hay Mohammadi, dem ältesten Elendviertel von Cassablanca

Im Dezember befragten Mitarbeiter der Internationalen Organisation für Migration in Griechenland insgesamt vierhundert Migranten aus Marokko. Fast alle waren unter dreißig Jahre alt, und fast alle kamen aus dem Elendsgürtel von Casablanca, vor allem aus den benachbarten Vierteln Hay Mohammadi und Sidi Moumen.

Die Jungs stehen hier zu dritt, viert und fünft an jeder Ecke, neben Hauseingängen und auf den niedrigen Mauern neben der Straße. Sie gucken in die Gegend, Frauen und Fremden hinterher, sie reden, sie checken ihre Handys wieder und wieder. Ein Leben in der Dauerwarteschleife, auf der Straße, denn zu Hause hocken ja die Geschwister und Eltern und Großeltern. Jeder hat ein Smartphone. Auf dem riesigen Elektro-Schwarzmarkt Derg Ghalef kostet ein gebrauchtes Gerät von Samsung siebzig Euro, unter der Hand gibt es gestohlene für die Hälfte. Ein Mobilfunkvertrag mit Internetzugang kostet hier fünf Euro im Monat.

Die Mutter kommt nach Hause und fängt an zu weinen, als sie hört, dass es um Abidine geht. Neun Kinder hat Abou Hanir in die Welt gesetzt. Einer ihrer Söhne arbeitet manchmal für rund zehn Euro am Tag schwarz für einen Sammeltaxiunternehmer, Abidine ist ausgewandert, die anderen halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Abou Hanir wurde in Hay Mohammadi geboren. Ihr Häuschen hat sie in den sechziger Jahren mit ihrem Mann gebaut, der Arbeiter in einer Fabrik war, bis er vor ein paar Jahren starb.

Weitere Themen

Proteste gegen Präsident Morales Video-Seite öffnen

Bolivien : Proteste gegen Präsident Morales

Präsident Evo Morales hat nach Angaben von TSE seinen Vorsprung so weit ausgebaut, dass er nicht in die Stichwahl gegen seinen konservativen Rivalen Carlos Mesa müsste.

Topmeldungen

Ukraine-Affäre : Stehen die Republikaner weiter hinter Trump?

Der amerikanische Botschafter in der Ukraine, William Taylor, hat Donald Trump vor dem Kongress schwer belastet. Die Republikaner reagierten mit Solidaritätsbekundungen, aber einige in der Partei setzen sich auch von ihrem Präsidenten ab.

AKK-Vorstoß : Gezielte Überrumpelung

Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Koalitionspartner mit ihrem Syrien-Vorstoß schwer düpiert. Jetzt muss sie ihre Idee so seriös weiterentwickeln, dass sie dem Vorwurf entgeht, es sei ihr nur um die eigene Profilierung gegangen.

Sorgen beim FC Bayern : „Es muss alles besser werden“

Drittes Spiel, dritter Sieg: Doch die Münchner zeigen in der Champions League in Piräus viele Mängel. Sportdirektor Salihamidzic übt deutliche Kritik. Dazu kommt Verletzungspech. Der nächste Spieler fehlt lange.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.