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Erweiterung des Suezkanal : Die zweite Teilung der Wüste

Die neue Fahrrinne des Suezkanals wird gebaut. Bild: AP

Der Suezkanal bekommt eine weitere Fahrrinne und das ägyptische Regime überschlägt sich in Superlativen. Die Züge fahren gratis, wer für die Regierung arbeitet, bekommt frei – und sogar eine eigene Goldmünze wurde geprägt.

          Die obrigkeitstreue Presse jubelt schon seit Tagen. „Das erste Mal seit vier Jahren positive Nachrichten aus Ägypten in den Medien der Welt“, verkündete die alte Staatszeitung „Al Ahram“. Ein Korrespondent des Blattes weiß von deutschem Neid zu berichten: Schließlich hätten die Ägypter ihr Milliardenprojekt, dem Wüstensand eine zweite Spur für den Suezkanal abzutrotzen, zielstrebig und schnell verwirklicht, während die Deutschen noch immer in einem Rechtsstreit über die Elbvertiefung verzettelt seien. Präsident Abd al Fattah al Sisi hatte es einfach dekretiert: Die Fertigstellung der neuen Wasserstraße, die an diesem Donnerstag mit ausschweifenden Feierlichkeiten eröffnet wird, sollte nicht, wie von den Planern avisiert, drei Jahre dauern. Ein Jahr genüge, befand Sisi. Und tatsächlich gelang das Vorhaben.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Wer für die Regierung arbeitet, bekommt am Donnerstag frei, die Züge fahren gratis, und es wurde eine eigene Goldmünze geprägt. „Der neue Suezkanal - aus Ägypten in die Welt“ heißt es auf dem Geldstück. Der Kanal wird als „Ägyptens Geschenk an die Welt“ gepriesen, auch wenn man für die Passage immer noch Gebühren zahlen muss. Das Ministerium für Religiöse Angelegenheiten veröffentlichte eine Predigt als Leitlinie zum Freitagsgebet. Sie trägt den Titel: „Die Eröffnung des Suezkanals ist ein Beispiel des Willens und der Arbeit“, und sie bezieht sich auf eine der größten Schlachten, die der Prophet Mohammed gefochten hatte.

          Der sendungsbewusste Patriotismus der Führung in Kairo überschlägt sich in Superlativen. Die darbende Wirtschaft soll gesunden, die andauernde Kritik an Korruption und Menschenrechtsverletzungen, die brutale Verfolgung der Muslimbrüder, der Bombenterror und der blutige Konflikt mit den Dschihadisten auf dem Sinai: Das alles soll in den Hintergrund treten. Die Führung erhofft sich Milliardeneinnahmen. Die Zahl der Schiffe, die täglich den Kanal passieren, durch den etwa sieben Prozent der auf der Welt verschifften Handelsgüter verbracht werden, soll sich in den nächsten acht Jahren auf 97 verdoppeln. Um die neue Spur sollen ein riesiges Industriegebiet und Logistikzentrum entstehen.

          Das Projekt kostete 8,4 Milliarden Dollar

          Der Chef der Kanalbehörde, der einstige Marinekommandeur Admiral Mohab Mamisch, ist um große Worte nicht verlegen. Er spricht von einer „Botschaft der Hoffnung“, von „Wiedergeburt“, einem „Symbol des neuen Ägyptens“. Die Vorfahren hätten den Suezkanal einst unter großen Entbehrungen angelegt, jetzt habe diese Generation Großes geleistet „nicht für uns, sondern für die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Nicht nur für die Ägypter, sondern für die ganze Welt.“ Es sind 508 Millionen Kubikmeter Sand und Geröll aus dem Weg geräumt worden, um die neue, 36 Kilometer lange Kanalspur anzulegen. Die 8,4 Milliarden Dollar, die das Projekt kostete, beschaffte die Nationalbank in nur acht Tagen. Es ist ausschließlich ägyptisches Geld. Kairo ließ die ägyptische Bevölkerung Anteilsscheine zeichnen, zu einem Zinssatz von zwölf Prozent.

          Kaum etwas ist so wichtig für Ägyptens Nationalstolz wie der Suezkanal mit seiner bewegten Geschichte. Für das Land verkörpert er Ägyptens Bedeutung in der Welt ebenso wie die Selbstbehauptung gegen äußere Feinde. Ferdinand Lesseps, ein französischer Diplomat im Ruhestand, hatte 1854 den ägyptischen Vizekönig Muhammad Said, einen Freund aus Jugendtagen, überredet, die Wasserstraße anzulegen. 1859 begann der Bau, der zehn Jahre dauerte. Tausende Ägypter kamen bei der Arbeit in der Wüste ums Leben. Saids Neffe Ismail, der dem ägyptischen Vizekönig nach dessen Tod im Jahre 1867 nachfolgte und sich der Modernisierung des Landes nach europäischem Vorbild verschrieb, häufte immense Schulden an. So lieferte er Ägypten an die Briten und Franzosen aus: London erwarb die ägyptischen Anteile am Suezkanal und sicherte sich die Kontrolle über die Wasserstraße.

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