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Eritreische Flüchtlinge : Folterkammer Sinai

  • -Aktualisiert am

Der neue Grenzzaun: Er trennt den Sinai (links) und Israel Bild: AP

Tausende Eritreer fliehen derzeit vor der Diktatur ihres Landes. Menschenhändler entführen und verschleppen sie auf den Sinai, wo sie von Sicherheitskräften wie Kriminelle behandelt werden.

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          Eine der größten Tragödien Afrikas spielt sich entlang der Strecke von Eritrea bis auf den Sinai ab. Eritreer fliehen zu Tausenden vor der Diktatur ihres Landes. Erst landen sie in sudanesischen Lagern, aus ihnen werden sie von ägyptischen Menschenhändlern auf den Sinai verschleppt, und dort werden sie von ägyptischen Sicherheitskräften wie Kriminelle behandelt. Dabei sind sie Opfer. Über Wochen sitzen sie etwa in Polizeiwachen ein, ohne dass sich jemand um sie kümmerte – nicht um die Wunden, die Beduinen den Männern und Frauen durch Folter zugefügt haben, und nicht um die Rechte, die den Entführten internationalen Vereinbarungen zufolge zustehen. Kairo hat 1951 die Flüchtlingskonvention zwar ratifiziert, die ägyptische Regierung hält sich aber nicht an sie.

          Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch (HRW) und auch das amerikanische Außenministerium haben zahlreiche Belege für die Zusammenarbeit von Menschenhändlern und Sicherheitskräften auf der Sinai-Halbinsel, aber auch an der Grenze zum Sudan im Süden des Landes vorgelegt. Die Behörden bestreiten aber die Anschuldigungen. Entsprechende Vorwürfe in einem HRW-Bericht über „Menschenhandel und Folter von Eritreern in Sudan und Ägypten“, der im Februar veröffentlicht wurde, seien „absurd“, sagte ein Sprecher von Außenminister Nabil Fahmy dieser Zeitung. Die amerikanische Organisation habe „unsauber“ gearbeitet; die Beschuldigungen seien „Blödsinn“.

          Anders als von Menschenrechtlern behauptet, gehe die Zahl der festgehaltenen Eritreer auf der Sinai-Halbinsel seit dem Sommer 2013 „drastisch“ zurück, heißt es aus dem Außenministerium in Kairo. So sollen 95 Prozent der in Folterkammern gequälten Menschen Eritreer sein; unter den Opfern befinden sich aber auch Äthiopier, Sudanesen und Somalier. Im vergangenen Herbst, als die Armee ihre Offensive auf dem Sinai begonnen hatte, waren die Folterfälle zurückgegangen. Seither häufen sich die Berichte über Entführungen aber wieder.

          Die finanzielle Erpressung ist das Ziel

          Nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Muhammad Mursi im Juli 2013 sei es den Sicherheitskräften gelungen, die bewaffneten Gruppen, die auch für Menschenschmuggel verantwortlich seien, zurückzudrängen. „Wir bekämpfen nicht nur den Terrorismus, sondern auch die Menschenhändler“, sagte Fahmys Sprecher. Ägyptens Politik zeichne „null Toleranz“ gegenüber den Kriminellen, die seit 2009 Tausende Eritreer gefoltert, erpresst und ermordet haben sollen, aus. „Es liegt in unserem nationalen Interesse, die Grenzen zu sichern.“

          In dem weitgehend rechtsfreien Raum, der im Norden der Sinai-Halbinsel seit dem Camp-David-Abkommen zwischen Israel und Ägypten 1978 entstanden ist, können die zwischen 16 und dreißig Jahre alten Folterer schalten und walten, wie sie wollen. Die Revolution gegen den Machthaber Husni Mubarak 2011 und die Absetzung von dessen Nachfolger Mursi haben die Lage weiter verschlechtert: Seither wurden bei Angriffen der Terrorgruppe „Ansar Beit al Maqdis“, die mit Al Qaida verbündet ist, Dutzende Sicherheitskräfte getötet. Das Auswärtige Amt in Berlin rief Ende Februar Besucher der beliebten Badeorte Scharm al Scheich, Dahab und Nuweiba auf, sich umgehend mit ihren Reiseveranstaltern in Verbindung zu setzen. „Von Reisen in alle anderen Regionen der Sinai-Halbinsel wird dringend abgeraten“, heißt es aus Berlin.

          Die weitgehende Fertigstellung des israelischen Grenzzauns hat dem florierenden Handel mit den Eritreern, die meist in sudanesischen Lagern entführt werden, keinen Abbruch getan. Der 240 Kilometer lange Grenzzaun verhindert zwar, dass – wie noch vor wenigen Jahren – Tausende Flüchtlinge über den Sinai nach Israel gelangen. Doch angesichts riesiger Profitspannen (Familien zahlen für die Freilassung ihrer Angehörigen bis zu 50.000 Dollar) hat sich das Geschäft längst verselbständigt. Nicht mehr der illegale Schmuggel ins Heilige Land ist das Ziel, sondern die finanzielle Erpressung. Der Sinai ist zu einer riesigen Folterkammer geworden. 7000 Menschen sind Recherchen der Tel Aviver Organisation „Ärzte für Menschenrechte“ seit 2009 von Beduinen auf dem Sinai gefoltert worden; mehr als 4000 starben an ihren Verletzungen und liegen verscharrt im Wüstensand.

          Kein Offizieller ist strafrechtlich belangt worden

          Das Vorgehen ist stets dasselbe: Sudanesische Menschenhändler entführen Eritreer, die vor der Verfolgung in ihrem Heimatland fliehen und in den riesigen Flüchtlingslagern im Osten Sudans stranden, und verkaufen sie weiter nach Ägypten. In Interviews mit Human Rights Watch haben Überlebende beschrieben, wie ägyptische Grenzbeamte wegschauten, als sie, in Wagen versteckt, ins Land gebracht wurden. Die gleiche Kumpanei ereignet sich demzufolge auch mehr als tausend Kilometer nördlich davon an der Qantara-Brücke, die vom Festland über den Suez-Kanal auf den Sinai führt: Gegen entsprechende Gelder lassen Sicherheitskräfte die Menschenhändler ebenfalls ohne Probleme passieren.

          Im Grenzgebiet zu Israel dann, wo sich die Sicherheitskräfte seit vergangenem Sommer im Krieg gegen Terrorgruppen wie Ansar Beit al Maqdis befinden, enden sie in den Folterkammern lokal ansässiger Beduinen, die die Entführten so lange quälen, bis sie die Telefonnummern ihrer Angehörigen herausrücken. Bei laufender Verbindung beginnt dann die Folter, durch Schläge mit Eisenstangen und Elektroschocks, durch Aufpressen glühenden Metalls und Übergießen mit heißem Wasser. Hunderte Frauen wurden vergewaltigt, Männern und Kindern wurden Gliedmaßen abgetrennt und Organe herausgeschnitten. Manche Folteropfer mussten mitansehen, wie Mithäftlinge über Tage kopfüber an Haken an der Decke aufgehängt wurden, ehe sie qualvoll verstarben.

          Die Folteropfer werden nur dann freigelassen, wenn die Angehörigen das verlangte Lösegeld zahlen, berichten Folteropfer. Selbst wenn die Eritreer Misshandlungen, die Tage dauern, überleben, ist ihr Leiden oft noch lange nicht beendet. Häufig greifen Grenzbeamte sie, die als illegal eingewandert gelten, auf und inhaftieren sie über Wochen in überfüllten kleinen Zellen der berüchtigten Polizeiwachen von Al Arisch, Rafah oder Bir al Abd. Auch die Beamten wollen Geld, und nur wenn die Angehörigen den Abschiebeflug nach Addis Abeba zahlen, kommen sie frei. Kein Offizieller ist bislang in Ägypten für die Zusammenarbeit mit den Verbrechern strafrechtlich belangt worden. „Amtsträger sind in zahlreichen Fällen für Vergehen gegen die Verpflichtungen der UN-Konvention gegen Folter verantwortlich“, schreibt aber Human Rights Watch.

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