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Eritreische Flüchtlinge : Folterkammer Sinai

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Die weitgehende Fertigstellung des israelischen Grenzzauns hat dem florierenden Handel mit den Eritreern, die meist in sudanesischen Lagern entführt werden, keinen Abbruch getan. Der 240 Kilometer lange Grenzzaun verhindert zwar, dass – wie noch vor wenigen Jahren – Tausende Flüchtlinge über den Sinai nach Israel gelangen. Doch angesichts riesiger Profitspannen (Familien zahlen für die Freilassung ihrer Angehörigen bis zu 50.000 Dollar) hat sich das Geschäft längst verselbständigt. Nicht mehr der illegale Schmuggel ins Heilige Land ist das Ziel, sondern die finanzielle Erpressung. Der Sinai ist zu einer riesigen Folterkammer geworden. 7000 Menschen sind Recherchen der Tel Aviver Organisation „Ärzte für Menschenrechte“ seit 2009 von Beduinen auf dem Sinai gefoltert worden; mehr als 4000 starben an ihren Verletzungen und liegen verscharrt im Wüstensand.

Kein Offizieller ist strafrechtlich belangt worden

Das Vorgehen ist stets dasselbe: Sudanesische Menschenhändler entführen Eritreer, die vor der Verfolgung in ihrem Heimatland fliehen und in den riesigen Flüchtlingslagern im Osten Sudans stranden, und verkaufen sie weiter nach Ägypten. In Interviews mit Human Rights Watch haben Überlebende beschrieben, wie ägyptische Grenzbeamte wegschauten, als sie, in Wagen versteckt, ins Land gebracht wurden. Die gleiche Kumpanei ereignet sich demzufolge auch mehr als tausend Kilometer nördlich davon an der Qantara-Brücke, die vom Festland über den Suez-Kanal auf den Sinai führt: Gegen entsprechende Gelder lassen Sicherheitskräfte die Menschenhändler ebenfalls ohne Probleme passieren.

Im Grenzgebiet zu Israel dann, wo sich die Sicherheitskräfte seit vergangenem Sommer im Krieg gegen Terrorgruppen wie Ansar Beit al Maqdis befinden, enden sie in den Folterkammern lokal ansässiger Beduinen, die die Entführten so lange quälen, bis sie die Telefonnummern ihrer Angehörigen herausrücken. Bei laufender Verbindung beginnt dann die Folter, durch Schläge mit Eisenstangen und Elektroschocks, durch Aufpressen glühenden Metalls und Übergießen mit heißem Wasser. Hunderte Frauen wurden vergewaltigt, Männern und Kindern wurden Gliedmaßen abgetrennt und Organe herausgeschnitten. Manche Folteropfer mussten mitansehen, wie Mithäftlinge über Tage kopfüber an Haken an der Decke aufgehängt wurden, ehe sie qualvoll verstarben.

Die Folteropfer werden nur dann freigelassen, wenn die Angehörigen das verlangte Lösegeld zahlen, berichten Folteropfer. Selbst wenn die Eritreer Misshandlungen, die Tage dauern, überleben, ist ihr Leiden oft noch lange nicht beendet. Häufig greifen Grenzbeamte sie, die als illegal eingewandert gelten, auf und inhaftieren sie über Wochen in überfüllten kleinen Zellen der berüchtigten Polizeiwachen von Al Arisch, Rafah oder Bir al Abd. Auch die Beamten wollen Geld, und nur wenn die Angehörigen den Abschiebeflug nach Addis Abeba zahlen, kommen sie frei. Kein Offizieller ist bislang in Ägypten für die Zusammenarbeit mit den Verbrechern strafrechtlich belangt worden. „Amtsträger sind in zahlreichen Fällen für Vergehen gegen die Verpflichtungen der UN-Konvention gegen Folter verantwortlich“, schreibt aber Human Rights Watch.

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