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Entführung in Nigeria : In den Fängen von Boko Haram

  • -Aktualisiert am

Die Entführten im Mai 2012. Die Entführung der Schülerinnen von Chibok war die bislang perfideste Aktion der nigerianischen Islamisten von Boko Haram. Bild: AFP

Ein Jahr nach ihrer Entführung fehlt von den 219 Mädchen von Chibok in Nigeria jede Spur. Die Unfähigkeit der Regierung treibt die Leute auf die Straße.

          Sie kamen in den frühen Morgenstunden mit Lastwagen, Geländewagen und Motorrädern. Ihr Ziel war das Wohnheim einer Mädchenschule in Chibok, einem kleinen Ort im nigerianischen Bundesstaat Borno. Sie töteten zwei Wachmänner, dann verluden sie die Mädchen auf die Fahrzeuge. Etliche von ihnen konnten fliehen, doch von 219 Schülerinnen im Alter zwischen 13 bis 18 Jahren fehlt bis heute, genau ein Jahr später, jede Spur.

          Die Entführung der Schülerinnen von Chibok war die bislang perfideste Aktion der nigerianischen Islamisten von Boko Haram. Die Terroristen demonstrierten damit nicht nur ihre Macht in weiten Teilen Nordnigerias, sie führten einer entsetzten Öffentlichkeit zudem auch die geradezu groteske Unfähigkeit der nigerianischen Sicherheitskräfte vor: 219 Personen, das entspricht vier vollbesetzten Bussen, blieben unauffindbar. Die um Grausamkeiten nie verlegenen Terroristen kündigen kurz nach der Geiselnahme in einer Videobotschaft zudem an, die Geiseln als Sklaven verkaufen zu wollen.

          Expertise aus dem Ausland kam nicht zum Einsatz

          Natürlich kündigte die nigerianische Führung unmittelbar nach der Geiselnahme an, alles zu unternehmen, um die Mädchen zu befreien. Womit sie allerdings nicht gerechnet hatte, war die Empörung im Land selbst. Überall in Nigeria gingen die Menschen auf die Straßen, um nicht nur gegen Boko Haram zu demonstrieren, sondern mehr noch gegen eine Regierung, die nicht in der Lage ist, die Sicherheit in ihren Landesgrenzen zu garantieren. Der Name der bekanntesten dieser Gruppen, „BringBackOurGirls“, brachte dieses Gefühl auf den Punkt. Es war ein klarer Appell an die Sicherheitskräfte, endlich ihre Arbeit zu tun.

          Noch nie in seiner Geschichte erfuhr Nigeria so viel Solidarität aus dem Ausland wie im Fall der Mädchen von Chibok. Die amerikanische Armee entsandte Aufklärungsdrohnen, um nach den Geiseln zu suchen. Die britische Regierung schickte ein Aufklärungsflugzeug und bot die Hilfe des „Special Air Service“ (SAS) an, der mutmaßlich besten militärischen Sondereinsatzgruppe der Welt. Frankreich schickte die Afrika-Experten seines Militärgeheimdienstes mit einem Sonderflug nach Abuja. Doch diese geballte Expertise kam nie zum Einsatz, weil die Nigerianer das nicht wollten. Ein Tiefpunkt im Umgang der nigerianischen Regierung mit der Geiselnahme war erreicht, als eine der Initiatorinnen von „BringBackOurGirls“ auf Geheiß der Gattin von Präsident Goodluck Jonathan verhaftet wurde. Begründung: Sie habe kein Kind unter den Entführten. So viel Zynismus hatte nicht einmal die einschlägig erfahrene nigerianische Bevölkerung ihrer Führung zugetraut.

          Der Anschein, es sei seither in der Öffentlichkeit ruhiger geworden um die 219 entführten Mädchen, trügt jedoch. Zwar war das Geiseldrama im zurückliegenden Wahlkampf um das Präsidentenamt nicht ausdrücklich Thema. Aber die Art und Weise, wie die Regierung unter Präsident Goodluck Jonathan die Entführung auszusitzen versuchte, war eine Ursache für seine Niederlage. Wie kann man einem Mann die Geschicke eines Landes anvertrauen, dessen Dienste aufgrund von Inkompetenz und Schlamperei nicht einmal in der Lage sind, die Spur von mehr als 200 verschwundenen Menschen zu finden?

          Ehemalige Gefangene berichtet von den Mädchen

          Angeblich hat es im Herbst vergangenen Jahres direkte Verhandlungen mit Boko Haram über die Freilassung der Mädchen gegeben, in die auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) involviert gewesen sein soll. Dabei soll es um einen Austausch inhaftierter Terroristen gegen die Schülerinnen gegangen sein. Gescheitert sind diese Gespräche angeblich an der Weigerung der Islamisten, die gesamte Gruppe gegen lediglich 15 Inhaftierte zu tauschen. Ob es gegenwärtig noch Gespräche gibt und ob die Regierung tatsächlich weiß, wo die Mädchen sind, wie sie behauptet, muss bezweifelt werden.

          Der bislang glaubwürdigste Bericht über das Schicksal der Schülerinnen stammt von einer 23 Jahre alten Frau namens Liatu Andrawus, die vor rund sechs Monaten ebenfalls von Boko Haram entführt worden war und später fliehen konnte. Sie schildert, wie sich nach ihrer Entführung in die Stadt Gwoza gebracht wurde, die Boko Haram seit nahezu einem Jahr als Hauptquartier dient. In einer Koranschule, wo sie als Christin „umerzogen“ wurde, sei sie auf etliche der Mädchen von Chibok gestoßen. Die meisten von ihnen seien mit Islamisten zwangsverheiratet worden und „dienten“ diesen als Zweit- und Drittfrau, berichtete Liatu Andrawus. Die Stadt Gwoza war Ende März von der nigerianischen Armee nach blutigen Kämpfen zurückerobert worden. Dass ausgerechnet dort möglicherweise die vermissten Schülerinnen festgehalten wurden, wusste die Armee offenbar nicht. Ihr Schicksal ist weiter unbekannt. Die Islamisten haben die Mädchen von Chibok wohl auf ihrer Flucht mitgenommen.

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