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Entführter Islamkritiker : Abdel-Samad wieder frei

  • -Aktualisiert am

Wieder frei: Hamed Abdel-Samad Bild: dpa

Der deutsch-ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad ist wieder auf freiem Fuß. Zwei Tage nach seiner Entführung befindet sich der Islamkritiker in der Obhut des deutschen Botschafters in Kairo.

          Um kurz nach acht Uhr Kairoer Zeit stellte es Kacem El Ghazzali auf seine Facebook-Seite, wenige Minuten später fand sich die Nachricht auch auf Twitter wieder: Hamed Abdel-Samad befinde sich in der Obhut seines Bruders Mahmud, mit dem er kurz zuvor gesprochen habe. Bald werde sich der wegen seiner islamkritischen Äußerungen mit dem Tode bedrohte deutsch-ägyptische Autor selbst zu den Hintergründen seines Verschwindens äußern, so El Ghazzali.

          Auch das ägyptische Innenministerium wollte noch am Abend über die Ermittlungen im Fall des verschwundenen deutsch-ägyptischen Schriftstellers Hamed Abdel-Samad informieren. Das berichtete das Nachrichtenportal Ahram Online unter Berufung auf einen Mitarbeiter Innenminister Muhammad Ibrahims. Demnach verfolgen die ägyptischen Ermittler zwei Spuren: Sowohl islamistische Hardliner aus dem Umfeld des salafistischen Politikers Assem Abdel Meguid wie dubiose Geschäftspartner Abdel-Samads kommen als Täter infrage.

          Der 41 Jahre alte Islamkritiker war am Sonntagnachmittag in der Nähe des Al-Azhar-Parks im Osten Kairos zum letzten Mal gesehen worden. Kurz vor seinem Verschwinden erreichte er seinen Bruder, dem er berichtete, dass eine schwarze Limousine ihn verfolge. Der Abdel-Samad vom Innenministerium für seinen Besuch abgestellte Leibwächter hätte ihm geraten, in ein Taxi zu steigen – doch zwanzig Minuten nach dem Telefonat brach der Kontakt ab.

          Danach war das Handy des für seine scharfe Kritik an der Muslimbruderschaft des gestürzten Präsidenten Muhammad Mursi bei dessen Anhängern verhassten Abdel-Samad nicht mehr zu erreichen.

          Polizeischutz zur Seite gestellt worden

          Für Mahmud Abdel-Samad, den Bruder des Entführten, führen die Spuren nicht unbedingt in die Islamistenszene Ägyptens. „Das Ministerium hat noch keine endgültigen Schlüsse gezogen“, sagte er am Dienstag gegenüber Ahram Online. Auch ökonomische Interessen könnten demnach als Gründe für die Entführung infrage kommen. Geschäftspartner Abdel-Samads sollen ihm eine große Summe Geld schulden, behauptet sein Bruder. „Wenn es islamistische Extremisten gewesen wären, hätten sie ihn auf der Stelle getötet.“

          „Der Berater des Ministers hat mir gesagt, dass die Ermittlungen innerhalb von Stunden Hinweise auf die Identität der Entführer liefern werden“, sagte er am Dienstagnachmittag. Durch Vermittlung der deutschen Botschaft in Kairo war Abdel-Samad für die Zeit seines Besuchs Polizeischutz zur Seite gestellt worden. Für ein Treffen mit seinen Geschäftspartnern am Sonntag habe er darauf aber verzichtet, sagte sein Bruder schon am Montag einem ägyptischen Fernsehsender, nachdem die Polizei ihn mehr als zwölf Stunden verhört hatte.

          Weder die deutsche Botschaft in Kairo noch das Auswärtige Amt in Berlin wollten sich am Dienstag zum Stand der Ermittlungen äußern. Dabei hatte der für seine Bücher „Mein Abschied vom Himmel“ und „Der Untergang der islamischen Welt“ bekannte Autor im Vorfeld seines Ägypten-Besuchs mit deutschen Diplomaten eigens Gespräche über eine mögliche Gefährdung geführt. Nicht von ungefähr: Im Juni, kurz vor dem Sturz Mursis, hatte er Morddrohungen erhalten, weil er bei einen Vortrag in Kairo die Ursprünge eines „religiösen islamischen Faschismus“ in der Zeit des Propheten Mohammed verortete.

          „Wanted Dead!“

          Assem Abdel Meguid von der extremistischen Al Gamaa al Islamija und der Prediger Mahmud Schaaban erklärten den Autor im Fernsehsender Al Hafes daraufhin zum „Ungläubigen“. Salafistische Webseiten zeigten das Bild des Autors mit der Überschrift „Wanted Dead!“. „Hamed Abdel-Samad nimmt den Mordaufruf ernst und ist derzeit untergetaucht“, teilte sein Verlag Droemer Knaur in München seinerzeit mit.

          In seiner zweiten Heimat warb er unterdessen für Unterstützung. „Als deutscher Staatsbürger erwarte ich zugleich von Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Westerwelle, dass sie den Aufruf aufs Schärfste kritisieren“, hatte Abdel-Samad kurz vor seinem Untertauchen im Sommer in einem Interview gefordert. Aber auch in Deutschland, wo er unter anderem wegen seiner Mitgliedschaft in der Islam-Konferenz und wegen Fernsehauftritten mit dem Publizisten Hendryk Broder angefeindet worden war, war er zuletzt mit Polizeischutz unterwegs.

          Bereits im Juni hatten die Mordaufrufe für diplomatische Verwicklungen gesorgt. Der Geschäftsträger der ägyptischen Botschaft wurde ins Auswärtige Amt einbestellt, das laxe Vorgehen der Behörden Präsident Mursis kritisiert. Ein knappes halbes Jahr später ist der islamistische Machthaber nicht mehr im Amt, doch an der Gefährdung Abdel-Samads hat das nichts geändert. Eigentlich war er nur nach Kairo gekommen, um in einem Zivilverfahren als Zeuge auszusagen.

          Doch begeistert von der Lage unter den neuen Herrschern war er nicht, auch wenn ägyptische und deutsche Behörden nun offenbar anders als im Sommer an einem Strang ziehen. Am Montag war Botschafter Michael Bock mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Ziad Bahaa Edin zusammen gekommen, um über den Fall beraten.

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