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Dirk Niebel in Mali : Mopti sehen und nicht sterben

Dirk Niebel übergibt eine Hilfslieferung der Welthungerhilfe Bild: dpa

Bar jedes Schutzes durch allerlei deutsches Sonderspezialpersonal fliegt Dirk Niebel in den Norden Malis. Dort geht das Leben seinen ruhigen Gang.

          4 Min.

          Dirk Niebel ist ein Minister, den es beruflich immer mal wieder in brandgefährliche Gegenden verschlägt. Wenn nach Kriegen wie im Irak und Afghanistan oder nach Bürgerkriegen in Sierra Leone oder Ruanda der Wiederaufbau beginnt, dann ist sein Ministerium in vorderster Linie gefragt. Insbesondere unter der Doktrin militärischer Zurückhaltung gilt es für Deutschland, beim Staatsaufbau und bei der Reparatur der Infrastruktur Flagge zu zeigen. Manchmal geht es auch schlicht darum Flüchtlingsnot zu lindern. Reisen des Ministers an die noch glimmenden Brandherde in Bagdad, Mogadischu oder Kabul sind nötig, um politische Grundlagen zu legen oder örtliche Hemmnisse durch ein Minister-Gespräch aus dem Weg zu räumen.

          Peter Carstens
          Politischer Korrespondent in Berlin

          Ein Kabinettsmitglied wie Niebel wird auf Reisen üblicherweise begleitet durch das Berliner Personenschutzkommando - drei, vier Beamte des Bundeskriminalamts (BKA). Geht es in Krisengebiete, werden zusätzlich Spezialkräfte mobilisiert, die jahrein, jahraus Einsätze wie diese trainieren und als Fachleute mit herausragenden Fähigkeiten Ansehen genießen. Umso erstaunlicher, dass Niebel am Samstag ohne seine Eskorte nach Mopti reisen musste. Dem Bundeskriminalamt waren die internen Weisungskataloge in diesem Fall wichtiger als die Sicherheit des Bundesministers. So wurde ein Exempel statuiert.

          Timbuktu war zu riskant

          Die Namen mancher Polizeieinheiten Fälle wie Mopti kennt jeder, etwa die „GSG 9“ der Bundespolizei. Weniger bekannt ist die BKA-Sektion für Auslandsspezialeinsätze (ASE). Trifft man auf diese Beamte, kann man hinter kugelsicheren Westen, Tarnjacken, Sonnenbrillen und ihrer jeweiligen Auswahl verschiedenster Präzisionswaffen und Dreitagebärten kaum noch die jungen Gesichter erkennen. Ständig reden sie in fast unsichtbare Mikrophone, jede Wendung der Schutzperson wird dokumentiert. Wenn die örtlichen Zustände es erfordern, werden noch Entschärfer für alles, was explodieren kann, und sogenannte „Durchsuchungskräfte“ mitgeschickt. So auch bei Niebels Mali-Reise. Selbstverständlich geht der Ministervisite ein „Vorauskommando“ voran, das mutmaßlich unsichere Örtlichkeiten prüft. Nur die Besten der Besten schaffen es in solche Einheiten, deren potentielles Wirken dem gleichkommt, was in sogenannten Action-Filmen Routine ist.

          Doch hinter diesen Männern schlägt offenbar ein furchtsames Vorgesetzten-Herz. Jedenfalls wurde über die gesamte Schutztruppe des Ministers, mindestens fünfzehn Mann, am Samstag ein striktes Reiseverbot verhängt. Sie musste untätig im Hotel „L‘Amitié“ (Freundschaft) in der Hauptstadt bleiben, während Niebel mit seiner Delegation nach Mopti flog - immerhin gab es im Hotel einen Schwimmbad, das aber vermutlich aus Gründen der Ehre nicht genutzt wurde. Der Anlass der Schutzverweigerung war so einfach wie schwer verständlich. Niebel hatte ursprünglich nach Timbuktu reisen wollen, die legendäre Sahara-Stadt, die vor ein paar Wochen von französischen Fallschirmjägern aus der Hand von Islamisten befreit worden war. Eine Mischung aus Neugierde und politischer Notwendigkeit veranlasste Niebel, selbst ehemaliger Fallschirmjäger, den Besuch in Timbuktu zu planen. Doch daraus wurde nichts.

          Als der Minister nach zehnstündiger Flug- und Umsteigereise in der Nacht zum Samstag in der malischen Hauptstadt eintraf, hatten seine Gastgeber schon einen anderen Plan. In Timbuktu hatte es einen Selbstmordanschlag gegeben, danach Feuergefechte zwischen Soldaten und Islamisten. Die Lage war unübersichtlich, Timbuktu zu riskant. Das sagten auch das Auswärtige Amt und die Bundeswehr, die Niebel dorthin mit einem in der Region operierenden Transall-Transportflugzeug fliegen sollte. Verständlich, auch für Niebel.

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