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Nigeria : Boko Haram in der Defensive

  • -Aktualisiert am

Gesichter der „Zivilbevölkerung“: Ein Soldat steht Anfang August in Maiduguri vor Kindern, die Nigerias Armee von Boko Haram befreit haben will Bild: AFP

Ein eigenes Kalifat konnte Boko Haram nicht gründen – jetzt greift die Terrorgruppe wieder zu Bomben. Seit Ende Mai fanden dadurch 800 Menschen in Nordnigeria den Tod.

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          Die Kette der Anschläge in Nigeria reißt nicht ab. Am Dienstag war es der Markt von Sabon Gari im Bundesstaat Borno, der zum Ziel eines mutmaßlich von Boko Haram verübten Attentats wurde. Es gab 47 Tote und mehr als 50 Verwundete, von denen etliche so schwer verletzt sein sollen, dass sie kaum Überlebenschancen haben. Das nächste Krankenhaus ist in Biu, 50 Kilometer von Sabon Gari entfernt, und verfügt weder über die Ausrüstung noch das Personal, um mit einer so großen Zahl von Schwerverletzten fertig zu werden.

          Seit dem Amtsantritt von Präsident Muhammadu Buhari Ende Mai erhöht sich damit die Zahl der Terroropfer in Nordnigeria auf 800 Menschen. Mal ist es ein Bombenattentat wie in Sabon Gari, dann wieder werden Menschen enthauptet, wie die neun Fischer am Tschadsee vergangene Woche, oder ein Kleinbus wird auf einer Fernstraße überfallen und die Insassen massakriert, wie am vergangenen Sonntag nahe der Regionalstadt Maiduguri.

          Diese Welle der Attentate war indes vorhersehbar und ist nicht zuletzt den militärischen Erfolgen gegen Boko Haram geschuldet. Insbesondere die tschadische Armee hatte zu Beginn des Jahres zahlreiche Ortschaften zurückerobern können, die von den Islamisten besetzt waren. Selbst die nigerianische Armee hatte Erfolge erzielen können, wenngleich die dem Einsatz südafrikanischer Söldner geschuldet waren. Das Ziel von Boko Haram, auf einem eigenen Territorium ein Kalifat zu errichten, wurde zunichtegemacht. Deshalb haben sich die Terroristen wieder auf das Bombenwerfen verlegt.

          Der tschadische Präsident Idriss Déby behauptete am Mittwoch, Boko Haram habe mit Mahamat Daoud einen neuen Führer, der bereit sei zu Gesprächen mit der nigerianischen Regierung. Offenbar ist Abubakar Shekau, der in den vergangenen beiden Jahren als Chef der Terrorgruppe aufgetreten war, tot. Ob Débys Aussage zutrifft, muss allerdings abgewartet werden. Déby behauptete am vergangenen Dienstag, Boko Haram sei inzwischen „kopflos“, und läutete die nächste Etappe des Kampfes ein: „Wir müssen es schaffen, die terroristischen Angriffe zu unterbinden.“

          Multinationale Eingreiftruppe gegen den Terror

          Wie schwierig es ist, einen „asymetrischen Krieg“ zu gewinnen, haben die Amerikaner und ihre Alliierten in Afghanistan und im Irak lernen müssen. Und ihnen standen andere technische Möglichkeiten zur Verfügung als den Nigerianern. Präsident Muhammadu Buhari setzt dabei auf mehr Soldaten und regionale Kooperation. 8700 Mann soll die Eingreiftruppe aus Nigeria, Tschad, Niger, Kamerun und Benin umfassen. Im Prinzip ist alles geregelt: Die Truppe wird grenzüberschreitend agieren. Das Hauptquartier wird im tschadischen N’Djamena beheimatet sein und damit in Rufweite zur französischen Militäroperation „Barkhane“.

          Deren Aufgabe ist es eigentlich, die Bewegungsfreiheit der Islamisten in der Sahara einzudämmen, doch die Franzosen liefern der tschadischen Armee sowohl Aufklärung als auch Waffen und Munition für den Kampf gegen Boko Haram. Die Befehlsgewalt über diese Eingreiftruppe wurde dem nigerianischen General Iliya Abbah, einem Muslim aus dem Norden, anvertraut. Abbah war Kommandeur des 2. Bataillons der nigerianischen Armee in der Millionenstadt Kano, als dort Attentat auf Attentat folgte. Ihm wird angerechnet, diese Serie beendet zu haben.

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          Was allerdings nicht geregelt ist, sind die Finanzen. Über die Finanzierung der Truppe schweigen sich die beteiligten Länder bislang aus. Die amerikanische Regierung hat angeblich fünf Millionen Dollar zugesagt, was eher als symbolischer Beitrag zu verstehen ist. Zudem fehlt es den truppenstellenden Nationen mit Ausnahme Tschads an adäquater Ausrüstung.

          Das ist eine Konsequenz aus der systematischen Vernachlässigung der Armeen in den vergangenen beiden Jahrzehnten, um die jeweiligen Machthaber vor Putschversuchen zu schützen. Buhari hatte sich zwar unlängst in Washington um Waffenlieferungen bemüht, doch war dies mit dem Hinweis auf Menschenrechtsverletzungen durch die nigerianische Armee abgelehnt worden. Nigeria will deshalb seine Rüstungsindustrie wiederbeleben. Die „Defence Industries Cooperation of Nigeria“ (Dicon) existiert immer noch, wenn auch nur auf dem Papier. Sie war 1964 mit Hilfe einer deutschen Firma in der nordnigerianischen Stadt Kaduna gegründet worden und ist auf die Produktion von leichten Schusswaffen und Munition spezialisiert. Heute hat zwar immer noch ein General das Sagen in den Fabrikhallen. Hergestellt aber werden Ersatzteile für zivile Produkte.

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