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Völkermord in Namibia : Deutschlands Angst vor der Entschädigung

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Stammesoberhaupt Chief Vekuii Rukoro und andere örtliche Stammesältere an der Stelle, an der von Trotha seinen Schießbefehl gab. Bild: dpa

Die Nachfahren der Opfer des deutschen Völkermords fordern Wiedergutmachung. Doch wer darf für sie sprechen? Und wem soll eine Entschädigung zugutekommen?

          Denkt der Chief an Deutschland, wird ihm ganz warm ums Herz. Dann sieht Kilus Munjuku III. Karaerua Nguvauva vom Volk der Ovambanderu vor seinem geistigen Auge blühende Landschaften aus der namibischen Steppe erwachsen. „Wir könnten das Geld dazu nutzen, den deutschstämmigen Farmern das Land abzukaufen“, sagt der Chief, und die drei anderen Notabeln des Stammes, die der Chief zu dem Gespräch mitgebracht hat, nicken bedeutungsschwer. „Das wäre doch nur fair.“

          „Das Geld“, das der Chief meint, ist das zurzeit wohl meistdiskutierte Thema in Namibia. Es geht dabei um die Massaker an den Völkern der Herero, Ovambanderu und Nama, die die kaiserlichen Schutztruppen zwischen 1904 und 1908 in Deutsch-Südwestafrika verübten und die von vielen Historikern als Völkermord eingestuft werden. Als Beleg dient ihnen unter anderem der „Brief an die Hereros“ des deutschen Oberkommandierenden Generalleutnant Lothar von Trotha vom 2. Oktober 1904, in dem es heißt: „Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen. Dies sind meine Worte an das Volk der Hereros.“

          Andere Historiker bestreiten dies und behaupten, die Aufständischen seien nach der berühmten Schlacht am Waterberg 1904 nicht von den Schutztruppen in die Omaheke-Wüste nahe der heutigen Grenze zu Botswana getrieben worden, wo viele von ihnen verdursteten. Vielmehr habe ihr Anführer Samuel Maherero eine falsche taktische Entscheidung getroffen, als er ausgerechnet in die Omaheke-Wüste auswich, um seine Truppen zu sammeln. Von Trothas berühmter Brief wird von diesen Historikern als Versuch eines von Ehrgeiz zerfressenen und von Nachschubproblemen und kranken Soldaten ausgebremsten Offiziers gewertet, sich wichtigzumachen.

          Vorbote einer Einigung?

          Doch dieser vor allem unter Historikern ausgetragene Streit spielt in Namibia keine Rolle. „Und was war mit den Konzentrationslagern, in denen unsere Vorväter umgebracht wurden, was mit den medizinischen Experimenten, den Schädelvermessungen und dem kranken Rest?“, fragt Chief Nguvauva. „Das kann niemand ernsthaft in Frage stellen.“ Fest steht, dass die deutschen Kolonialherren äußerst grausam vorgingen und mehrere zehntausend Herero, Nama und Ovambanderu dies mit ihrem Leben bezahlten. „Uns ist großes Unrecht angetan worden, und dafür wollen wir entschädigt werden“, sagt das Oberhaupt der Ovambanderu, deren Zahl durch die Greueltaten derart dezimiert wurden, dass die Überlebenden sich den Herero anschlossen und fortan als solche definiert wurden.

          Nachfahren der getöteten Herero bei einer Gedenkfeier

          Wenn der Chief sich heute kurz vor dem Ziel wähnt, hat das auch mit deutscher Innenpolitik zu tun. Im vergangenen Sommer erklärte Bundestagspräsident Norbert Lammert im Zusammenhang mit der damals schon diskutierten Armenien-Resolution des Bundestages, dass es sich bei dem Massaker in Namibia, „an den heutigen Maßstäben des Völkerrechts gemessen“ , um „Völkermord“ gehandelt habe. Damit erhielt die Diskussion um Entschädigungszahlungen, die 2004 durch Äußerungen der damaligen Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul befeuert worden war, neue Nahrung. Wieczorek-Zeul hatte die Namibier anlässlich des 100. Jahrestages der Schlacht am Waterberg um „Vergebung“ gebeten und eine „Sonderinitiative“ in Höhe von 20 Millionen Euro angekündigt.

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