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Terror in Mali : Wechsel des Schlachtfeldes

  • -Aktualisiert am

Nirgendwo sicher: Nach dem Angriff auf ein Hotel im zentralmalischen Sévaré im August Bild: Reuters

In Mali hat sich die Bedrohung von der Sahara in den dicht besiedelten Süden verlagert. Auch schwarzafrikanische Islamisten sind auf dem Vormarsch.

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          Von Bamako, Mopti oder Sévaré aus betrachtet, war der islamische Terror in Mali bislang weit weg. Der spielte sich hoch im Norden des Landes ab, dort, wo der Sahel in die Sahara übergeht und die Tuareg seit jeher Ärger machen. Doch das hat sich in den vergangenen zwölf Monaten mit blutigen Angriffen auf Restaurants in Bamako und ein Hotel in Sévaré radikal geändert.

          Der Terror ist endgültig im dichtbesiedelten Süden Malis angekommen. Vor allem: Mit dem Wechsel des Schlachtfeldes geht ein Personalwechsel einher, der die Sicherheitskräfte vor eine kaum zu bewältigende Herausforderung stellt. Waren die Terroristen zu Zeiten der Besetzung von Timbuktu und Gao im Jahr 2012 noch überwiegend Ausländer beziehungsweise hellhäutige Tuareg, wird das Terrorszenario im Süden Malis inzwischen von schwarzen Islamisten beherrscht, die Fulani oder Mossi sprechen und nicht selten ortsansässigen Familien entstammen.

          Gefährlichste Gruppe massiv geschwächt

          Was sich gerade in Mali abspielt, ist ein Machtwechsel im Gefüge der Terrorgruppen. Die von Algeriern dominierte Gruppe „Al Qaida im islamischen Maghreb“ (Aqmi), die lange Zeit als größte, schlagkräftigste und gefährlichste Gruppe galt, spielt nur noch eine Nebenrolle. Sie hatte den Fehler gemacht, sich nach der Niederlage gegen die französische Armee Anfang 2013 (Opération Serval) tiefer in die Sahara zurückzuziehen.

          Seit die Franzosen aber mit 3000 Soldaten einen regelrechten Riegel durch den Südrand der Sahara gezogen haben (Opération Barkhane), der von Mali über Niger bis nach Tschad reicht, ist Aqmi massiv geschwächt. Französische Nachrichtendienste behaupten, der harte Kern der Terrorgruppe sei auf 200 Kämpfer geschmolzen, die sich zudem aus Furcht vor Entdeckung in drei Kampfgruppen (Katibas) aufgeteilt hätten.

          Die größte Bedrohung sehen Sicherheitsexperten mittlerweile im Süden des Landes, wo eine vor Jahresfrist noch nahezu unbekannte Gruppe namens „Front de libération du Massina“ ihr Unwesen treibt. Mutmaßlich ist die Massina-Gruppe ein Ableger von Ansar al Dine, der von dem Targi Iyad Ag Ghaly geleiteten und überwiegend aus Tuareg bestehenden Terrorgruppe aus Kidal im hohen Norden. Die Massina-Gruppe operiert indes entlang der mauretanischen Grenze bis hinunter an die Grenzen nach Burkina Faso und zur Elfenbeinküste. Das ist eine Region, die bislang vom Terror der Islamisten weitgehend verschont geblieben war und in der es folglich auch wenig Militärpräsenz gibt, seien es malische Soldaten oder Blauhelme der UN-Mission für Mali.

          Massina-Gruppe kopiert die „Strategie“ von Boko Haram

          Die Massina-Gruppe kopiert bei ihrem Vorgehen die „Strategie“ von Boko Haram in Nigeria, das heißt, es werden bevorzugt isolierte Ortschaften mit größtmöglicher Brutalität überfallen. Und wie bei Boko Haram sind die bevorzugten Ziele der Massina-Gruppe neben Repräsentanten des Staates moderate muslimische Geistliche, wie der 63 Jahre alte Imam Aladji Sékou, der im vergangenen Jahr in Barkérou ermordet wurde. Die dritte Parallele zu den Nigerianern: Die „Front de libération du Massina“ operiert grenzüberschreitend, was eine konsequente Verfolgung durch die malische Armee nahezu unmöglich macht.

          Die „Front de libération du Massina“ wird von einem Mann namens Amadou Koufa geführt, einem bekannten Prediger aus Mopti am Niger. Koufas erklärtes Ziel ist es, aus Mopti das Zentrum eines neuen Kalifates machen, das sich auf das sogenannte „Massina-Imperium“ der Peul beruft. Die Entstehung dieses als „Kalifat von Hamdullahi“ bekannten Reiches geht auf einen Aufstand der Peul gegen die in Mali dominierende Volksgruppe der Bambara Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Auf seinem Höhepunkt um 1840 unterhielt das Kalifat des Machthabers Seku Amadu ein stehendes Heer von 10.000 Soldaten und verfolgte eine Politik des permanenten Dschihad.

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