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Der Terror Boko Harams : Von der Landkarte getilgt

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Dem Erdboden gleichgemacht: Auf Satellitenbildern hat Amnesty International Häuser markiert, die von Boko Haram zerstört wurden. Bild: © DigitalGlobe

Die Strategie von Boko Haram ist an menschenverachtender Schlichtheit kaum zu übertreffen: Wenn ein einzelner Dorfbewohner mit der nigerianischen Armee kooperiert, muss das ganze Dorf sterben. Im Nordosten des Landes traf die Rache der Islamisten nun eine Garnisonstadt.

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          Die Strategie der Islamisten von Boko Haram ist an menschenverachtender Schlichtheit kaum zu übertreffen: Wenn ein einzelner Dorfbewohner einem Vertreter des nigerianischen Sicherheitsapparats behilflich ist, muss das ganze Dorf sterben. Und wenn eine Stadt eine Kaserne der nigerianischen Armee beherbergt, ist folglich die ganze Einwohnerschaft vogelfrei.

          Wie viele Menschenleben der Angriff der Terroristen von Boko Haram auf die Region von Baga im Nordosten Nigerias tatsächlich gekostet hat, enthüllen die am Donnerstag von den Menschenrechtsgruppen Amnesty International und Human Rights Watch veröffentlichten Satellitenbilder auch nicht. Örtlichen Quellen zufolge sollen dort in den vier Tage dauernden Angriffen Anfang Januar bis zu 2000 Menschen getötet worden sein. Die nigerianische Armee spricht hingegen von 150 Toten, darunter „viele Terroristen“.

          Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Gleichwohl bezeichnete Amnesty International den Angriff auf Baga als die „wahrscheinlich blutigste Attacke“ in der Geschichte von Boko Haram. Der amerikanische Außenminister John Kerry sprach am Donnerstag von einem „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

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          Die Aufnahmen aus dem All belegen eindrücklich das Ausmaß der Zerstörung, das die Terroristen hinterlassen haben. 600 Gebäude wurden alleine in Baga, der Handelsstadt am Tschad-See, zerstört. Das entspricht elf Prozent aller Häuser. Viel schlimmer ist die Situation in dem nur zweieinhalb Kilometer entfernten Doro Gowan (auch als Doron Baga bekannt): Dort wurden den Zählungen nach 3100 Gebäude oder 57 Prozent der Siedlung niedergebrannt.

          Das hat einen Grund: Doro Gowan war der Stützpunkt der „Multinational Joint Task Force“ (MNJTF), in der Soldaten aus Nigeria, Tschad und Niger Dienst taten. Die MNJTF war 1998 zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität in dem Dreiländerteck von Niger, Tschad und Nigeria gegründet worden. Im Jahr 2012 stießen Kamerun und Benin dazu und die Aufgabe der multinationalen Truppe wurde um die Bekämpfung von Boko Haram erweitert. Gleichwohl hatte keine der ausländischen Armeen größere Kontingente in Doro Gowan stationieren wollen. Dies lag zum einen an Unstimmigkeiten über die Finanzierung dieser Truppe, zum anderen an der Angst, in den Kampf gegen die Terroristen verwickelt zu werden und damit selbst zum Ziel ihrer Angriffe zu werden.

          Als Boko Haram am 4. Januar Doro Gowan angriff, hielten sich dort nur nigerianische Truppen auf, von denen offenbar viele über den Tschad-See ins Nachbarland flohen. Die komplette Infrastruktur der Basis – Fahrzeuge, Waffen, Munition, Kommunikationseinrichtungen – fiel den Terroristen in die Hände. Weit über 10.000 Nigerianer sollen sich inzwischen nach Niger und Tschad in Sicherheit gebracht haben. Die nigerianische Armee ließ mitteilen, sie bereite die Rückeroberung von Baga vor. Nach Angaben aus Tschad aber hielten Kämpfer der Terrormiliz Baga am Donnerstag nach wie vor besetzt.

          Inzwischen hat die Eroberung von Baga durch die Islamisten auch die tschadische Führung aufgeschreckt, wenngleich sich das am Mittwochabend unterbreitete militärische Hilfsangebot seltsam ausnimmt. Nicht Nigeria, sondern Kamerun will N’Djamena bei seinem Kampf gegen Boko Haram „aktiv unterstützen“. Ob dies von kamerunischer Seite überhaupt erwünscht ist, war am Donnerstag nicht klar.

          Zwar war die tschadische Armee an der Seite der französischen Streitkräfte in Mali sehr erfolgreich im Kampf gegen die Islamisten von „Al Qaida im islamischen Maghreb“ (Aqim). Bei dem nicht zuletzt religiös motivierten Bürgerkrieg in der Zentralafrikanischen Republik aber, bei dem Milizen beider Konfessionen erbarmungslos aufeinander losgingen, standen die tschadischen Soldaten bis zu ihrem Abzug auf Seiten der muslimischen Rebellengruppe Séléka – und waren damit Teil des Problems und nicht der Lösung.

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