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Flüchtlinge auf dem Mittelmeer : Das sichere Geschäftsmodell der Schlepper

Sie kommen auf Gummibooten, die den Schleppern nicht ausgehen: Flüchtlinge vor der Küste der italienischen Insel Lampedusa. Bild: dpa

Alle sind sich einig: Die libyschen Schlepper müssen bekämpft werden. Doch die Menschenhändler sind bestens organisiert. Warum ein Vorgehen gegen ihr Geschäftsmodell fast aussichtslos ist.

          Was man gegen die Flüchtlingskatastrophen auf dem Mittelmeer tun muss, hat Angela Merkel in der vergangenen Woche vor der Unionsfraktion mit einer Art magischem Dreieck beschrieben: Flüchtlinge retten, Schleuser bekämpfen, Fluchtursachen beseitigen. Klingt genial einfach. Doch ist es das nicht.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Entscheidend sei der Kampf gegen die Schleuser an der libyschen Küste, heißt es etwa. Doch guter Wille und ausreichende Bewaffnung reichen mitnichten aus, um gegen sie vorzugehen. Denn die Hierarchien der Schlepper sind sehr flach. Es gibt keine Kartelle wie im Drogenhandel. Schleuser, die das Geschäft mit den illegalen Migranten steuern, sind unbekannt, heißt es in deutschen Sicherheitsbehörden. Vielmehr handelt es sich um lose Netzwerke, geknüpft durch familiäre Verbindungen und Clanzugehörigkeit. Die Schleuser reagieren höchst flexibel, um ihr Geschäftsmodell lukrativ zu halten.

          Wenn ein Flüchtling aus Zentral- oder Westafrika an die libysche Küste will, kann er sich einen Teil des Weges allein durchschlagen. Eine Schleusung braucht er erst in Niger, für den Weg durch die Sahara. Oft helfen Verwandte mit ihren Erfahrungen weiter, ein Handy haben in der Regel alle Flüchtlinge dabei. Hat ein Flüchtlinge den Weg durch die Wüste auf einem LKW oder Pickup bis an die libysche Küste geschafft, dann findet er am Zielort einen Ansprechpartner. Der bringt die Flüchtlinge zu einer Unterkunft, in der sie notdürftig versorgt werden, bis eine genügend große Gruppe zusammen ist und ein Boot bereitsteht, um die Abfahrt ins Mittelmeer zu organisieren. Dieses dezentrale Geschäft erstreckt sich heute von der Grenze zu Tunesien bis weit westlich der Hauptstadt Tripolis auf eine Breite von mehr als 500 Kilometern.

          Allein schon wegen dieser Streuung ist es kaum möglich, wirksam gegen die Schleuser vorzugehen. Es gibt kein Schleuser-Hauptquartier, das eingenommen oder ausgeschaltet werden könnte. Die Arbeitsgruppe der Europäischen Kommission unter Leitung der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini, die ein militärisches Vorgehen gegen die Schleuser entwerfen soll, ist nicht zu beneiden. Denn auch die Zerstörung der Schleuserboote, die zuletzt auf dem EU-Sondergipfel vorgeschlagen wurde, ist nicht mehr als eine schöne, aber unglückliche Idee.

          Die Schlauchboote produzieren sie selbst

          Die meisten Flüchtlinge werden in Schlauchbooten auf das Mittelmeer geschickt. Solche Festrumpfschlauchboote, wie der genaue Begriff heißt, werden in Libyen massenhaft produziert. Dafür wird Kunststoff-Meterware zusammengeklebt. Außenbordmotoren sind leicht zu erwerben. Die Schlauchboote werden von den schleusenden Kleingruppen produziert, irgendwo in der Nähe des Strands. Große Hallen, in denen solche Boote fabrikmäßig hergestellt werden, seien bisher nicht entdeckt worden, sagen Fachleute der Sicherheitsbehörden. Solche Hallen, sollte es sie geben, militärisch zu zerstören wäre auch kaum möglich, ohne Menschenleben zu riskieren. Das gilt erst recht für die dezentrale Produktion.

          Der Einsatz von Schlauchbooten, so Schätzungen, macht heute zwei Drittel des Schleuserverkehrs von der libyschen Küste aus. Losgefahren wird immer vom Strand aus, nicht etwa aus einem Hafen. Und gesteuert werden die Boote nicht von einem Schleuser, sondern von einem der Flüchtlinge, der dafür beauftragt wurde und dafür die Überfahrt kostenlos bekommt. Mittlerweile soll die Fahrt im Schlauchboot, die 2011 noch gut tausend Dollar kostete, schon für 400 Dollar zu haben sein. Bei rund hundert Leuten im Boot ist das immer noch ein gutes Geschäft für die Schlepper. Die Preise variieren, je nachdem, ob zum Beispiel eine Schwimmweste mit im Angebot ist. Die meisten Flüchtlinge können nicht schwimmen.

          Anfang Februar im Mittelmeer: Ein Flüchtlingsboot neben dem Frachtschiff „OOC Cougar“ der Hamburger Reederei Opielok.

          Neben den Schlauchbooten sind auch Fischerboote im Einsatz, die in der Regel bis zu 400 illegale Migranten befördern. Die Preise richten sich danach, ob man sich einen sonnengeschützten Platz in der Kajüte, einen Platz an Deck oder nur einen Platz im Schiffsrumpf neben dem Motor leisten kann. Die Hoffnung, den Schleusern an der libyschen Küste würden irgendwann die Boote ausgehen, ist unbegründet. „Eine Knappheit bei den Booten gibt es nicht“, heißt es in Sicherheitskreisen.

          Die Schleuser in Libyen zu bekämpfen ist also kaum möglich. Und die Fluchtursachen zu beseitigen ist noch schwieriger. Denn die Menschen verlassen ihre Heimat aus unterschiedlichsten Gründen. Natürlich spielen Unterdrückung und Not eine Rolle, etwa in Somalia oder Eritrea in Ostafrika. Aber manchmal sind es auch Gerüchte, die bewirken, dass sich Menschen auf den Weg machen. So kommen zur Zeit viele illegale Einwanderer aus Gambia und dem Senegal, der als sicheres Herkunftsland gilt. Dort hat sich das Gerücht verbreitet, Deutschland biete Flüchtlingen besonders gute Bedingungen wie Begrüßungsgeld und Wohnungen.

          Bleibt vom Merkel‘schen Dreieck noch die Seenotrettung. Sie ist längst Teil der Kalkulation der Schleuser geworden. Gaben sie früher den Booten noch ausreichend Benzin mit, damit sie Italien erreichen konnten, so beschränken sich die Schlepper längst darauf, nur noch so viele Kanister mitzugeben, dass die Schlauchboote die libyschen Hoheitsgewässer verlassen können. Den Notruf löst dann der Schleuser selbst mit einem Satellitentelefon vom Strand aus oder ein Verwandter oder Bekannter von ihm. Wollten die Schleuser die Migranten früher unerkannt nach Europa bringen, so sollen sie heute möglichst bald aufgegriffen werden. Die „Überfahrt“ ist kürzer geworden: Sie dauert, wenn sie denn gelingt, in der Regel nur noch von der Küste bis zum Rettungsschiff.

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