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Chemiewaffen in Syrien : Gewiss ist nur der Tod

  • -Aktualisiert am

Wessen Opfer? Das Bild soll einen Mann zeigen, der bei einem angeblichen Angriff der Rebellen mit C-Waffen verwundet worden sein soll Bild: picture alliance / dpa

Im Streit über den Einsatz von Chemiewaffen im syrischen Bürgerkrieg versuchen beide Seiten, ihre Version der Wahrheit zu verbreiten. Dabei ist ihnen jede Propaganda recht. Doch Beweise gibt es nicht viele.

          Noch sind die Ortsnamen nur in Fach- und Geheimdienstkreisen wirklich geläufig. Scheich Maqsud, Khan al Assal, Dschobar, Saraqeb, Adra und Ataibe heißen die syrischen Gemeinden, in denen seit Dezember 2012 möglicherweise Chemiewaffen eingesetzt wurden. Ganz im Norden des Landes, an der türkischen Grenze, aber auch rund um die Hauptstadt Damaskus und in den umkämpften Rebellenhochburgen Aleppo und Homs könnten kleine Mengen des Nervengases Sarin verwendet worden sein, bestätigen Fachleute in den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Sicher sind sie sich jedoch nicht, dass die Berichte der Zeitungen „Le Monde“ und „The Times“, der BBC und syrischen Oppositionssendern wirklich stimmen.

          „Ich glaube keinem einzigen dieser Artikel, wenn die Beweismittelkette nicht von Anfang bis Ende belegt ist“, äußert sich auch Jan van Aken skeptisch. Der Bundestagsabgeordnete der Linkspartei war von 2004 bis 2006 bei den UN in New York für die Auswertung von Proben zuständig, die den Einsatz von Biowaffen im Irak belegen sollten. Seine Lehre aus dieser Zeit laute: „Je höher die involvierten Stellen, desto mehr Interessen spielen herein.“ In Syrien ist das spätestens der Fall, seitdem der amerikanische Präsident Barack Obama im vergangenen August eine „rote Linie“ zog, sollten in dem Konflikt Chemiewaffen zum Einsatz kommen.

          Beiden Seiten ist jede Propaganda recht

          Israelische, türkische, britische und französische Regierungsvertreter bezichtigten das Regime Baschar al Assads seither mehrfach, in kleinen Dosen chemische Kampfstoffe eingesetzt zu haben. Amerikanische Geheimdienste wollen „mit unterschiedlichen Graden von Gewissheit“ zu dem Schluss gekommen sein, dass das Regime „in geringem Maße“ C-Waffen eingesetzt habe, hieß es im April in einem Brief des Weißen Hauses an führende Senatoren.

          Dass Syrien, anders als 2003 der Irak Saddam Husseins, über große Bestände an Chemiewaffen verfügt, ist unstrittig: Mehr als tausend Tonnen von Sarin, Senfgas und VX sollen in 18 Lagerstätten im ganzen Land verteilt sein. Öffentlich gemacht haben die westlichen Regierungen ihre vermeintlichen Belege für den Einsatz dieser Kampfstoffe bislang nicht. Obamas „rote Linie“ betrachtet der frühere UN-Biowaffeninspekteur van Aken, der nun im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags sitzt, denn auch eher als „grünes Licht für alle Seiten, einen Chemiewaffeneinsatz herbeizureden“. Die Aufständischen erhoffen sich davon ein Eingreifen des Westens, das Regime die Ächtung der Oppositionskämpfer als Terroristen. Dazu ist beiden Seiten jede Propaganda recht.

          Im Mai übergaben Vertreter der oppositionellen Nationalen Koalition deutschen Diplomaten in Berlin Dokumente, die den Einsatz von Chemiewaffen beweisen sollen. Am Freitag forderte das Auswärtige Amt „alle diejenigen, die über Informationen zum Einsatz von Chemiewaffen verfügen“, dazu auf, diese zugänglich zu machen, bestritt aber Erkenntnisse über deren Verwendung in Syrien. Der deutsche Botschafter bei den UN in New York, Peter Wittig, hatte schon am Donnerstag freien Zugang der UN-Untersuchungskommission nach Syrien verlangt, die in Zypern seit Wochen auf ihren Einsatz wartet.

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