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HRW-Krisenkoordinator Bouckaert : „Meine Follower verlangen Bilder“

  • Aktualisiert am

Junge Männer nehmen ein zerstörtes Auto nahe der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui auseinander. Das Bild postete Peter Bouckaert am 10. März auf seinem Twitter-Account. Bild: Peter Bouckaert

Peter Bouckaert arbeitet für die Hilfsorganisation „Human Rights Watch“ in Krisengebieten wie Libyen, Syrien, zuletzt in der Zentralafrikanischen Republik. Seine Eindrücke teilt er über Twitter mit - schonungslos. Ein Gespräch.

          3 Min.

          Inmitten des Bürgerkriegs in der Zentralafrikanischen Republik versuchen zahlreiche Hilfsorganisationen, die Zivilbevölkerung zu schützen. Peter Bouckaert ist der leitende Krisenkoordinator bei  „Human Rights Watch“. Seit Beginn der Ausschreitungen in Zentralafrika war er immer wieder vor Ort, um mit der Regierung und den Konfliktparteien zu verhandeln und die Situation im Land zu untersuchen. Jeden Tag schildert der Menschenrechtler seine Eindrücke auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, verbreitet Fotos und liefert Informationen, die er während seiner Arbeit sammelt. 13.000 Menschen folgen den Beiträgen des 43 Jahre alten Belgiers.

          Seit einem Jahr herrscht in der Zentralafrikanischen Republik ein blutiger Bürgerkrieg, bei dem sich muslimische Rebellen und christliche Milizen blutige Kämpfe um die Macht im Land liefern. Der Zahl der Toten ist unbekannt, nach Angaben der Vereinten Nationen wurden 650.000 der 4.6 Millionen Einwohner der Zentralafrikanischen Republik vertrieben. Derzeit versuchen 2000 französische und 5500 afrikanische Soldaten den Konflikt zu entschärfen – bislang ohne Erfolg.

          Herr Bouckaert, was denken Sie, wenn Sie sich ihre Tweets der letzten Monate anschauen?
          Ich muss mir meine Einträge nicht anschauen, um mich zu erinnern, was ich in den letzten sechs Monaten durchgemacht habe. Ich war ja dabei. Es war unglaublich intensiv und aufwühlend. Ich beschäftige mich seit 17 Jahren mit Krieg, damit verdiene ich mein Geld. Aber selbst für mich ist das, was wir in Zentralafrika sehen einfach barbarisch. Im Januar war ich für drei Wochen in Banghi und haben in dieser Zeit 12 Hängungen mitbekommen. Ein paar konnten wir verhindern. Bei meinem  letzten Trip vor ein paar Wochen kam mir ein Mann entgegen, der das abgeschlagene Bein eines Gehangenen hochhielt. Ein anderer wollte eine abgeschlagene Hand in unserer Auto legen. Das sind unaussprechbare Erfahrungen.

          Welche Rolle spielen die sozialen Medien für ihre Arbeit?
          Der Konflikt in Zentralafrika findet in den klassischen Medien praktisch gar nicht statt. Wir wollen die Aufmerksamkeit der Welt auf diesen Bürgerkrieg lenken und genau dafür ist vor allem Twitter ein großartiges Werkzeug. Die Idee zur Kampagne in den sozialen Medien stammt aus der Nacht, in der Nelson Mandela starb, dem 5. Dezember 2013. Ich war mit einem Journalisten der BBC in Bosangoa im Norden Zentralafrikas unterwegs, als wir in einen heftigen Schusswechsel gerieten. Wir konnten entkommen, haben die Geschichte fertigproduziert und uns schlafen gelegt. Nur erschien der Beitrag nie, weil sich niemand dafür interessierte.

          Ist Ihre Arbeit in den sozialen Netzwerken erfolgreich?
          Soziale Medien lösen nicht jedes Problem auf der Welt. Die Informationen, die ich poste, sind relevant für Journalisten, Menschenrechtler und Diplomaten, die Entscheidungen über ihr Vorgehen in Zentralafrika treffen müssen. Ich bin kein passionierter Twitter-Nutzer, aber wir sehen den Einfluss unserer Arbeit: Wenn ich derzeit humanitäre Konferenzen der Vereinten Nationen besuche werde ich von Leuten angesprochen, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Sie lesen meine Beiträge auf Twitter.

          Funktioniert Twitter auch in anderen Krisen wie in Syrien oder Mali?
          Wenn die Sicherheitslage zulässt, dass ich vor Ort twittere, dann werde ich das natürlich tun. Unsere Tweets ecken an: Im Januar habe ich ein sehr drastisches Bild eines Gehängten gepostet. Dazu habe ich geschrieben, dass wir die Verstümmelung des toten Körpers gesehen haben, während französische Soldaten in 15 Metern Entfernung untätig dabei standen. Kurz darauf riefen mich der französische Botschafter und der Befehlshaber der Zentralafrika-Operation an und baten mich um ein Treffen. Sie sagten mir, dass ich weniger peinliche Informationen über das französische Militär verbreiten sollten. Das habe ich natürlich nicht getan.

          Klingt nach Zensur.
          Ja, und genau hier liegt eines der Hauptprobleme in diesem Konflikt: Die französische Regierung versucht der Welt zu erzählen, dass ihr Einsatz die Situation in Zentralafrika beruhigt hat und die Gewalt sinkt. Wir beweisen das Gegenteil. Die französische Armee veröffentlicht jede Woche eine Pressemeldung voller Unwahrheiten und wir halten bestätigte Fakten dagegen.

          Vor ein paar Wochen hat mich der französische Botschafter stundenlang angeschrien, weil ihm meine Posts nicht gefallen haben. Aber ich habe jeden Tag mit Warlords zu tun, da macht mir ein Botschafter keine Angst. Die Politiker und Diplomaten haben vor unserer Arbeit wahrscheinlich mehr Angst, als wir vor ihren Reaktionen.

          Welche Motive und Themen schaffen es in ihren Twitter-Account?
          Ich poste viele brutale Bilder, weil ich es wichtig finde, die Weltöffentlichkeit mit der furchtbaren Realität in Zentralafrika zu konfrontieren. Die Balance stelle ich her, indem ich auch Bilder aus dem Alltagsleben der Menschen in Bangui poste. Es geht nicht nur um Brutalität, ganz normale Menschen leben hier.

          Wann ist Ihr nächster Einsatz?
          Hoffentlich bald, wenn meine Frau mich lässt.

          Die Fragen stellte Paul Middelhoff.

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