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Boko Haram in Niger : Im Grenzgebiet des Terrors

Kouli sagt, sie sei mit Dutzenden anderen Frauen und Kindern in einem Haus eingeschlossen worden. Nach zwei Tagen seien die Islamisten dann zu den ganz jungen gekommen. „Sie sagten zu den Mädchen, die 13, 14, 15 Jahre alt waren: ‚Ihr seid jetzt verheiratet.‘ Dann nahmen sie sie mit.“ Kouli hatte Glück. „Weil ich schwanger war, haben sie sich nicht für mich interessiert.“ Drei Tage später brachte Kouli in Gefangenschaft ihr Kind zur Welt, das sie heute im Arm hält und stillt, während sie erzählt. Die anderen Frauen halfen ihr bei der Geburt.

Auf der Flucht: 40.000 Bewohner der Inseln im Tschadsee haben sich vor den Angriffen Boko Harams und den befürchteten Strafaktionen der Armee in Sicherheit gebracht. Diese Flüchtlinge sind von Diffa auf dem Weg nach Nigeria.

„Jeden Morgen mussten wir uns vor dem Haus versammeln und beten. Sie sagten, wir seien jetzt die gleichen Muslime wie sie, bessere Muslime als vorher.“ Die Kämpfer von Boko Haram taten den älteren Frauen nichts und verloren bald das Interesse. Nach zwei Wochen gelang Kouli und einigen anderen Frauen die Flucht aus dem Haus, als die Tür offen stand und kein Aufpasser in der Nähe war.

Die ganze Nacht seien sie marschiert, bis sie in ein Dorf kamen, wo jemand ein Handy hatte. Damit, sagt Kouli, habe sie ihren Vater angerufen – denn ihr Mann lebe mit seiner zweiten Frau an einem anderen Ort. Ihr Vater sitzt auch während des Gesprächs neben ihr. „Das ist das Kind von Shekau“, sagt ein Nachbar über Koulis Baby und lacht dreckig. Abubakar Shekau ist der Anführer von Boko Haram. Kouli und die Bewohner ihrer Siedlung gehören zur Peul-Ethnie. Den Herren um sie herum fällt es leicht zu behaupten, dass Boko Haram „alles Kanuri“ seien.

Regionalkommandeur Salaou sagt, zwar sei Boko Haram „definitiv auch eine Kanuri-Sache“. Aber damit habe es sich lange nicht. „Oben in Nigeria“ gebe es viele Banden und Gangs, die früher für Politiker gekämpft und gegen Bezahlung die jeweiligen politischen Konkurrenten eingeschüchtert hätten. „Und als die Politiker dann Macht bekamen, vergaßen sie diese Leute“, sagt Salaou. „Aber die fordern jetzt ihren Anteil.“

Der Innenminister Nigers will sich auf so eine Überlegung nicht einlassen. „Boko Haram sind keine Rebellen“, sagt Hassoumi Massoudou in der Hauptstadt Niamey. „Das sind Kriminelle. Wenn die ein Dorf überfallen, töten sie fast alle, versklaven die jungen Mädchen und stehlen alles von Wert. Sie haben keine Botschaft. Man kann in dieser Bande keine Logik erkennen. Wenn sie Terrain okkupieren wollen, dann müssen sie dort eine Politik machen, dann muss man die Bevölkerung überzeugen. Aber das machen sie alles nicht.“ Der Innenminister sagt, mindestens tausend Mitglieder von Boko Haram habe man in Niger in den Gefängnissen einsitzen. „Viele davon kommen auch aus unserem Land.“

Vor wenigen Wochen hat das nigrische Parlament eine Erhöhung der Militärausgaben auf offiziell drei Milliarden Euro gebilligt. „Wir können diese Bedrohung nicht allein stemmen“, sagt Massoudou. Niger sei immer stärker betroffen. Weil die nigerianische Armee endlich begonnen hat, Boko Haram weiter südlich in den Wäldern von Sambisa zu bekämpfen, seien viele Kämpfer Richtung Norden auf die Inseln des Tschadsees ausgewichen. „Deswegen mussten wir die Bevölkerung dort wegbringen“, sagt Innenminister Massoudou.

Was er nicht sagt, ist, dass seine Regierung verkündete, wer am Tschadsee jetzt noch angetroffen werde, den halte man für einen von Boko Haram. Das veranlasste Zehntausende weitere Menschen zur Flucht, worauf sich Nigers Regierung in keiner Weise vorbereitet hatte. „Bald“ sei mit Luftangriffen zu rechnen, sagt der Minister. Doch solange die Nigerianer nicht von Süden her drückten, sei eine Offensive schwer.

So ruhen alle Hoffnungen auf dem neuen Präsidenten Nigerias. Seine erste Auslandsreise nach Amtsantritt führte Muhammadu Buhari vor wenigen Tagen nach Niger. Buhari dankte dem Nachbarland für die „Opfer, die Niger auf sich genommen hat, der Bedrohung durch Boko Haram zu begegnen“. Buhari kündigte die Rückkehr der nigerianischen Armee in die Grenzorte an: „Der Aufstand der tödlichen Sekte wird bald niedergeschlagen sein. Inschallah.“

Buhari wirbt für internationale Koalition gegen Boko Haram

Der neue nigerianische Präsident Muhammadu Buhari hat beim G-7-Gipfel auf Schloss Elmau für Unterstützung im Kampf gegen die Terrorgruppe Boko Haram geworben. Seit seinem Amtsantritt vor einer Woche sind mindestens 82 Menschen Opfer von Anschlägen Boko Harams geworden. Das jüngste große Attentat ereignete sich am Donnerstag vergangener Woche in der Stadt Yola im Bundesstaat Adamawa, als sich zwei Selbstmordattentäter in die Luft sprengten und 31 Menschen mit in den Tod rissen.

Der ehemalige General Buhari hat den Kampf gegen die Islamisten zu seiner vordringlichsten Aufgabe gemacht und setzt dabei offensichtlich auf regionale Kooperation. Seine erste Auslandsreise unmittelbar nach seiner Vereidigung hatte ihn nach Niger und Tschad geführt. Die Armeen beider Länder sind seit Februar aktiv in der Bekämpfung der Islamisten in Nigeria involviert.

In der tschadischen Hauptstadt N’Djamena bedankte sich Buhari ausdrücklich für die Unterstützung der ausländischen Armeen und forderte einen Einsatz der nominell 8700 Mann starken schnellen Eingreiftruppe der Afrikanischen Union (AU). Diese existiert bislang nur auf dem Papier. Bereits 2014 hatten Nigeria, Niger, Tschad, Kamerun und Benin beschlossen, 3000 Soldaten in der nigerianischen Stadt Baga am Tschadsee zu stationieren, um der Islamisten Herr zu werden.

Die Tschader waren die ersten, die sich aus Frust über die Nigerianer aus dieser Koalition verabschiedet hatten. Insofern ist der Appell Buharis zur Bildung einer internationalen Militärkoalition tatsächlich ein Kurswechsel in der nigerianischen Politik. Der tschadische Präsident Idriss Déby hatte sich in den vergangenen Monaten häufig über Buharis Vorgänger Goodluck Jonathan und dessen Untätigkeit beschwert. So sei es wiederholt vorgekommen, dass die nigerianische Armee sich geweigert habe in Ortschaften einzurücken, die zuvor von der tschadischen Armee freigekämpft worden waren. Um die Einsätze sowohl ausländischer als auch eigener Soldaten besser koordinieren zu können, hat Buhari das Hauptquartier der nigerianischen Armee von Abuja nach Maiduguri verlegen lassen.

Trotz der jüngsten Attentate ist die Bilanz des Kampfes gegen die Islamisten zuletzt positiv ausgefallen. Die nigerianische Armee hat dank der Unterstützung südafrikanischer Söldner große Geländegewinne in den zuvor von Boko Haram besetzten Landesteilen erzielen können. Über den Einsatz dieser ehemaligen Mitglieder diverser südafrikanischer Spezialeinheiten aus der Apartheidzeit ist nur wenig bekannt.

Allerdings scheinen sie die entscheidende Rolle bei Kommandoaktionen zu spielen, mit denen gezielt Jagd auf Kommandeure der Islamisten gemacht wird. Ob sich unter den Opfern dieser nächtlichen Angriffe auch Abubakar Shekau, der mutmaßliche Anführer der Islamisten befindet, ist gegenwärtig Gegenstand zahlreicher Spekulationen. In dem jüngst von Boko Haram verbreiteten Video jedenfalls fehlt der wortgewaltige Terrorist. (tos.)

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