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Boko Haram in Niger : Im Grenzgebiet des Terrors

Terroropfer: Eine Frau mit Brandwunden im Krankenhaus von Diffa

Dann steht er auf, führt zur Lehmhütte einer Frau, von deren acht Kindern drei Söhne im Gefängnis sitzen. Sie wurden verhaftet, weil sie in Diffa für Boko Haram Nahrung und Ausrüstung eingekauft haben sollen. „Vor drei Monaten war das“, sagt die Frau. „Seit drei Monaten sitzen sie in Diffa im Gefängnis, ohne Prozess.“ Sie sagt, aus Angst schließe sie schon seit einiger Zeit alle Fenster und Türen. Ihr Mann sei in eine andere Stadt geflohen. Die Mutter erzählt, ihre junge Tochter, die an der Feuerstelle im Hof Teig klopft, erhalte über ihr Handy ständig Drohungen. „Wir kriegen dich, sagen die Leute von Boko Haram.“

Die einheimischen Würdenträger des Kanuri-Dorfs sind dagegen machtlos. Der Imam sitzt in einem stickigen Raum neben seiner kleinen Moschee. An die vier Lehmwände hat er mit Kreide arabische Schriftzeichen gemalt, in der Ecke stehen Holztafeln mit handgeschriebenen Koranversen. Der Imam sagt, seine Familie habe er aus Sicherheitsgründen ins Landesinnere geschickt.

„Es gibt einige Koranschüler, die hier den Koran falsch lesen, aber meine Koranschüler gehen nicht zu Boko Haram.“ Wer Boko Haram sei, wisse er nicht. „Aber ich weiß, dass arme Leute so eine Organisation nicht aufbauen können.“ Der Imam sagt, seit das Militär am Ortsausgang steht, habe er Bagara nicht mehr verlassen. „Ich habe Angst vor den Soldaten.“

Niger lehnte UN-Flüchtlingscamps zunächst ab

Der Krieg zwischen Boko Haram und den Sicherheitskräften wird mit aller Härte geführt. Die Bevölkerung leidet nicht nur unter dem Kreuzfeuer, sondern auch unter Strafaktionen beider Seiten. Insgesamt 150.000 Menschen sollen allein aus Nigeria nach Niger geflohen sein. Lange Zeit verweigerte Niger dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR den Aufbau von Flüchtlingslagern, weil man fürchtete, die Geflohenen dann dauerhaft im Land zu haben und dass in ihrem Gefolge Teile von Boko Haram nach Niger einsickern und sich in den Lagern schadlos halten könnten. Die meisten Flüchtlinge kommen in Diffa allerdings ohnehin bei Bekannten und Verwandten unter.

So auch Kouli Ali, eine hübsche Frau, die zwei Wochen lang in der Gefangenschaft von Boko Haram war. „Sie kamen früh am Morgen nach Damasak“, sagt Kouli, „es waren mehr als 1000 junge Männer und zwei Alte, die gesagt haben, was die Kämpfer machen sollten.“

Kouli ist 21 Jahre alt. Sie sitzt zwischen ihren Verwandten und Nachbarn unter einem Baum am Stadtrand von Diffa. Wenn Kouli erzählt, bilden sich Grübchen in ihren Wangen. Sie sagt, einige der Kämpfer hätten Militärkleidung getragen, andere normale Sachen. „Die meisten hatten ein Gewehr, und es gab auch Waffen auf Fahrzeugen.“ Die nigerianischen Soldaten flohen nach einem kurzen Schusswechsel. Die Terroristen gingen von Haus zu Haus, erzählt Kouli. „Sie schrien ‚Allahu Akbar‘, und dann – Taktaktaktak.“

Kouli und jene die konnten flohen an den Fluss und versteckten sich in den Büschen. „Sie fanden uns schnell“, sagt Kouli. „Die Männer wurden gefesselt und in den Fluss geworfen, später trieben sie tot an der Wasseroberfläche.“ Jene, die sich nicht fesseln lassen wollten, seien erwürgt oder erschossen worden. „Über die Alten sagten sie: ‚die sind ja schon tot‘, die haben sie leben gelassen.“ Untereinander hätten die Islamisten Kanuri gesprochen. Die Häuser der Umgebung hätten die Boko-Haram-Kämpfer nach Nahrungsmitteln und Wertgegenständen abgesucht. „Wenn sie an einem Toten vorbeigingen, riefen sie immer: ‚La ilaha illa allah‘ (es gibt keinen Gott außer Gott).“

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