https://www.faz.net/-gq5-849rb

Boko Haram in Niger : Im Grenzgebiet des Terrors

Direkt daneben ist die Kaserne: Eine breite Mauer umgibt eine einen Quadratkilometer große überdimensionale Sandkiste, in der sich ein Dutzend Gebäude für die nigrischen Mannschaften, ein Fuhrpark und ein kleines Stabsgebäude verlieren. In der Mitte befinden sich zwei ganz eigene Kasernen inmitten der Kaserne: Die eine mit hohen Schanzkörben und Infrarotgerät gesicherte Trutzburg gehört den 50 amerikanischen und kanadischen Spezialkräften, die andere den rund 50 Franzosen. „Die geben uns Aufklärung“, sagt Colonel Major Moussa Salaou Barmou, der Regionalkommandeur für die Stadt und die Region Diffa.

Colonel Major Moussa Salaou Barmou, Regionalkommandeur für die Stadt und die Region Diffa

Insgesamt drei Drohnen werden in der Region eingesetzt. Abgesehen davon erhalten die Nigrer von Frankreich und Amerika Beratung sowie „nicht-tödliche“ Ausrüstung. „Mehr wäre gut“, sagt Salaou. Der Befehlshaber sitzt barfuß hinter dem Schreibtisch, seine amerikanischen Kampfstiefel neben dem Bürostuhl.

Es fehlen Soldaten und Material

Die Gefechte müssen die Afrikaner alleine führen. Mit den Tschadern hat Salaou einen gemeinsamen Befehlsstand. Aber die Zusammenarbeit mit den Nigerianern gestaltet sich schwierig. Nigerias Soldaten wurden immer wieder von Boko Haram überrannt, flohen oder sollen unter der Hand teilweise sogar Waffen an die Terroristen verkauft haben. Gemeinsamen Operationen mit den Nachbarländern verweigerte sich das stolze Land meist. „Immerhin gestatten uns die Nigerianer mittlerweile, dass wir einen Verbindungsoffizier in Maiduguri haben“, sagt Salaou.

In Maiduguri, dem Gründungsort von Boko Haram, befindet sich der größte Stützpunkt der nigerianischen Armee in der Region. Wo es Nigeria an Willen und Organisation mangelt, fehlt es Niger an Soldaten und Material. Allein am Koumadougou-Fluss liegen rund zweihundert Siedlungen auf beiden Seiten der Grenze. Für Niger mit seiner 14000 Mann starken Armee ist es unmöglich, die alle zu halten.

„Das größte Problem ist, dass wir hier nicht wissen, wer wer ist“, sagt Salaou. Viele Familien würden ständig die Grenzen wechseln. Alle haben Angehörige in allen angrenzenden Ländern. Das mache die Kontrolle schwierig. „Es gibt entlang des Koumadougous Dörfer, die sind Nester von Boko Haram.“ Salaou nennt Bagara. „Fast jeder Haushalt in Bagara hat eine Person an Boko Haram gegeben.“

Kouli Ali, die in Gefangenschaft ein Kind zur Welt brachte

Bagara ist ein Nest wenige Kilometer vor Diffa. Von sechs Uhr an herrscht Ausgangssperre, aber am Nachmittag ist das ganze Dorf auf den Beinen. Kinder spielen auf den Straßen, ein Mann auf einem Karren treibt seinen Esel an. Madou Boukar, der Dorfvorsteher, setzt sich auf einen Stuhl vor sein Haus. Sofort kommen Dutzende Jungen und Männer und hocken sich um ihn herum auf den Boden. Alle tragen die Ziernarben der Kanuri im Gesicht: vier Wundmale, die sich über die Wangen bis zum Kinn ziehen. Die Bevölkerungsmehrheit der Region gehört zur Ethnie der Kanuri. So wie die meisten Kämpfer von Boko Haram.

Boukar sagt, dreißig Männer aus Bagara hätten sich Boko Haram angeschlossen. Es sei kaum abzusehen gewesen. „Die waren auch nicht anders als die anderen, die gingen nicht mal in die Koranschule.“ Boukar sagt, Nigrer schlössen sich Boko Haram an, weil sie arm seien. Die Islamisten würden einem 300.000 Francs-CFA, rund 450 Euro geben, dazu ein Motorrad und eine Frau.

„Das Geld kommt aus Nigeria“, sagt Boukar. Überhaupt sei die Terrorgruppe eine Erfindung der nigerianischen Regierung. Vor einem Monat erst sei des Nachts eine Gruppe Kämpfer über die Grenze ins Dorf gekommen und habe Nahrungsmittel und zwei Jungen mitgenommen. „Die wollten wohl Männer werden“, sagt Boukar.

Weitere Themen

Topmeldungen

Libyens Rebellenführer Haftar : Der eigensinnige Kriegsherr

Die Bemühungen um Frieden in Libyen kreisen vor allem um Chalifa Haftar. Er gilt als ausgesprochen stur - sogar seinen Förderer Putin stieß er vor den Kopf. Auf Betreiben der Vereinigten Arabischen Emirate?

Bundesliga im Liveticker : Frankfurt, Köln und Freiburg führen

Im Titelkampf ist Dortmund gefordert. Ein Augsburger Tor zählt nicht. Wolfsburg vergibt große Chancen und bekommt die Quittung. Besser machen es die Eintracht und der Sport-Club. Verfolgen Sie die Spiele im Liveticker.
Die Bundesliga in Aktion: Die Medienpartner verlangen nach Spannung.

TV-Vermarktung : Das Milliardenspiel der Topklubs

Die deutschen Topklubs stehen vor der größten Auktion ihrer Geschichte. Die Vermarktung der Fernsehrechte spült ihnen Milliarden in die Kassen. Streaming-Dienste bringen sich in Position – und das Kartellamt ist alarmiert.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.