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Boko Haram : Verhandlung über Austausch entführter Mädchen

  • -Aktualisiert am

Demonstranten fordern in Abuja die Freilassung der entführten Mädchen (Foto vom 11. September). Bild: AP

Seit April befinden sich mehr als 200 Mädchen in der Gewalt der nigerianischen Terrorgruppe Boko Haram. Wie nun bekannt wurde, verhandelt die Regierung mit den Entführern über einen Austausch der Geiseln gegen Gefangene.

          Die nigerianische Regierung und das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) sind offenbar seit rund zwei Monaten in Verhandlungen mit der Terrorgruppe Boko Haram, um die Freilassung der mehr als 200 Schulmädchen zu erreichen, die im April aus einem Internat in der nordnigerianischen Stadt Chibok entführt worden waren. Das bestätigte ein Teilnehmer der Verhandlungen, der bekannte nigerianische Menschenrechtsaktivist Fred Eno. Das IKRK wollte sich dazu nicht äußern.

          Konkret soll es bei den Verhandlungen um einen Austausch von inhaftierten Kommandeuren der Terrorgruppe gegen die Mädchen gehen. Bislang hatte die nigerianische Regierung es strikt abgelehnt, Gefangene gegen Geiseln zu tauschen. Die Rede ist von 30 Inhaftierten, darunter Kabiru Sokoto, der im Dezember 2013 wegen seiner Verwicklung in ein Bombenattentat auf eine Kirche in Madallah an Heiligabend 2011 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden war.

          Unklar ist allerdings, ob die 30 Häftlinge, deren Freilassung Boko Haram fordert, bislang überhaupt identifiziert werden konnten. Nach einem Bericht der Zeitung „The Punch“ sei es den Delegierten des IKRK lediglich gelungen, 16 der 30 Männer in den verschiedenen Haftanstalten Nigerias ausfindig zu machen, was auch damit zusammenhängen mag, dass offenbar etliche der Inhaftierten unter anderem Namen geführt werden.

          Nach Angaben des Menschenrechtlers Edo ist das IKRK hinzugezogen worden, um als neutrale Organisation den Gefangenenaustausch zu organisieren. Gleichwohl soll es nach nigerianischen Presseberichten Ende August beinahe zu einem Austausch in der Ortschaft Yola gekommen sein, der allerdings daran scheiterte, dass die Terroristen für die 30 Inhaftierten nur 30 Mädchen freilassen wollten und nicht die gesamte Gruppe. Zudem scheint es sowohl innerhalb der nigerianischen Regierung als auch innerhalb der Terrorgruppe große Vorbehalte gegen einen Austausch zu geben.

          Auf Seiten der Regierung wird argumentiert, dass die Freilassung überführter Massenmörder nur weiteres Unheil heraufbeschwöre, während auf Seiten von Boko Haram nach Einschätzung des Menschenrechtsaktivisten Eno die eventuelle Rückkehr der alten Kommandeure von ihren Nachfolgern mit gemischten Gefühlen betrachtet wird. Die Verhandlungen sollen vor zwei Monaten begonnen haben, als Vertreter der Regierung, verschiedener nigerianischer Menschenrechtsgruppen und des IKRK Gespräche mit einem der inhaftierten Kommandeure von Boko Haram aufnahmen, der nur unter den Namen „Omar“ bekannt sei. Dieser Mann habe sich als Sprecher aller inhaftierten Mitglieder der Terrorgruppe ausgegeben. Den Angaben zufolge trafen sich die Unterhändler im Anschluss daran Mitte August insgesamt vier Mal mit Abgesandten der Terrorgruppe in der Hauptstadt Abuja. Dabei sei den Regierungsvertretern versichert worden, dass die Mädchen entgegen ursprünglicher Aussagen des mutmaßlichen Anführers der Terrorgruppe nicht als Sexsklavinnen verkauft worden seien und es ihnen gut gehe. Ihr Aufenthaltsort ist allerdings weiterhin unklar.

          Nigerianische Sicherheitskreise mutmaßen, dass die relativ große Gruppe (die Rede ist von 219 Mädchen) aufgeteilt und in die benachbarten Länder Tschad, Niger und Kamerun gebracht worden sei. Unklarheit herrscht gegenwärtig auch über das Schicksal des mutmaßlichen Anführers von Boko Haram, Abubakar Shekau. Die kamerunische Armee hatte zu Beginn der Woche behauptet, den Mann bei einem Feuergefecht an der Grenze getötet zu haben. Bei Twitter zirkulierte für einige Zeit ein Foto einer Leiche, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Shekau aufweist. Der Twitter-Account wies sich als „Armée Camerounaise“ aus - allerdings unterhält die kamerunische Armee offiziell kein solches Konto.

          Die kamerunische Zeitung „Cameroon Concord“ behauptete am Montag trotzdem, ein Offizier der Armee habe die Authentizität des Fotos und den Tod Shekaus bestätigt. Eine offizielle Stellungnahme aus Douala hingegen gibt es nicht. Die nigerianische Armee dementierte am Montag, dass es am vergangenen Wochenende überhaupt zu Gefechten zwischen Boko Haram und der kamerunischen Armee gekommen sei. Vielmehr sei es die nigerianische Armee gewesen, die am Wochenende in Kodunga im Bundesstaat Borno der Terrorgruppe Boko Haram eine „empfindliche Niederlage“ beigebracht habe, wie der Sprecher der Armee, Generalmajor Chris Olukolade, sagte. Dass es in Kodunga am Wochenende zu schweren Kämpfen mit hohen Verlusten unter den Terroristen gekommen war, wird auch von unabhängigen Quellen bestätigt. Dabei sollen mehrere hundert Terroristen getötet und zahlreiche schwere Waffen, darunter Panzerspähwagen, zurückerobert worden sein. Es war der erste größere Sieg der nigerianischen Armee seit Beginn ihrer Großoffensive gegen die Terroristen im Mai vergangenen Jahres.

          Zu dem in Kamerun verbreiteten Fotos des angeblich toten Shekau wollte sich Generalmajor Olukolade am Montag nicht äußern. Die nigerianischen Dienste gehen davon aus, dass Abubakar Shekau bereits vergangenes Jahr bei einem Gefecht nahe der Regionalstadt Maiduguri schwer verletzt wurde und später in der kamerunischen Stadt Amitchide seinen Verletzungen erlag. Das jetzt verbreitete Foto der Leiche könnte damals von kamerunischen Kontaktleuten gemacht worden sein. Nach Angaben des nigerianischen Inlandsgeheimdienstes tritt seit dem mutmaßlichen Tod des Terrorführers in allen Videobotschaften von Boko Haram ein Mann namens Bashir Mohammed als Abubakar Shekau auf. Mohammed befehlige für die Terrorgruppe das regionale Kommando von Uye und sehe Shekau zum Verwechseln ähnlich.

          Bei den Gefechten am vergangenen Wochenende in Kodunga hatte die nigerianische Armee eigenen Angaben zufolge eine verletzten Kommandeur von Boko Haram fassen können. Der Mann werde seitdem in einem Militärkrankenhaus behandelt. Ob es sich dabei um Bashir Mohammed, dem „Gesicht“ von Boko Haram handelt, wollte Generalmajor Olukolade weder bestätigen noch dementieren.

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