https://www.faz.net/-gq5-7zm4f

Nigeria : Allein mit dem Terror

  • -Aktualisiert am

Dem Schrecken vorerst entkommen: Flüchtlinge im Norden Nigerias Bild: Reuters

Die Heimsuchung durch Boko Haram nimmt kein Ende. Im Norden Nigerias fühlen sich die Menschen im Stich gelassen. Wer kann, flieht. Doch die meisten müssen ausharren – und beten.

          Er hatte sie schon eine ganze Weile bemerkt. Sechs junge Männer, die sich stundenlang auf dem Markt herumtrieben, ohne Interesse an den Waren zu zeigen. „Ich habe mir noch gedacht, wer sind die und was wollen die eigentlich“, erinnert sich Dambana Maji an jenen Tag im vergangenen Juli, von dem er damals glaubte, es sei sein letzter.

          Es war ein Donnerstag, ein großer Tag für Sumaila, einem Kaff rund siebzig Kilometer südlich der Handelsmetropole Kano. Die Bauern aus den umliegenden Weilern strömen dann nach Sumaila, um Hirse und Vieh feilzubieten und sich im Gegenzug mit Gebrauchsgütern einzudecken. Das Dorf platzt regelmäßig aus allen Nähten, und das viele Geld, das den Besitzer wechselt, lockt auch die Diebe an.

          Dambana ist Mitglied der lokalen Bürgerwehr, Vigilants nennen sie sich, ein Zusammenschluss von Bürgern gegen die grassierende Kriminalität. Markttag ist traditionell Großkampftag für die Vigilants. „Ich trug meine Uniform, vielleicht sind sie deshalb auf mich zugekommen“, erzählt der bullige Mann mit den schwieligen Händen.

          Die Poilzei hat sich verbarrikadiert

          Jedenfalls sprach ihn einer der Fremden an und wollte wissen, ob er ein Polizist sei. Als Dambana verneinte, befahl ihm der Mann, sich auf den Boden zu legen. „Der hatte eine Kalaschnikow in der Hand, und unter der Achsel in einem Holster trug er eine automatische Pistole“, erinnert sich Dambana. Haben die Angreifer gesagt, dass sie zu Boko Haram gehören? „Die haben gesagt: Boko Haram ist hier, um sich um die Polizei zu kümmern.“ Dann haben die Männer die Polizeistation von Sumaila angegriffen.

          Drei Stunden hat das Feuergefecht gedauert, bevor sie unbehelligt wieder abzogen. Woher sie kamen, wohin sie flohen – „ich habe keine Ahnung“, sagt Dambana. Und die Polizei? Der Vigilant schnaubt verächtlich. „Hat sich seither verbarrikadiert und traut sich nicht mehr vor die Tür.“ Die Armee? „Haben wir hier noch nie gesehen.“ Hat er Angst? „Diese Leute zirkulieren frei durch das Land, und die Regierung tut nichts dagegen. Wie soll ich da keine Angst haben?“, fragt er.

          Boko Haram bringt Muslime um

          Ursprünglich sollte das bevölkerungsreichste Land Afrikas am kommenden Wochenende einen neuen Präsidenten wählen. Aus „Sicherheitsgründen“ wurde die Wahl aber am vergangenen Samstag um sechs Wochen auf den 28. März verschoben. Amtsinhaber Goodluck Jonathan, ein Christ aus dem Süden, tritt abermals an, obwohl dies in seiner eigenen Partei PDP (People’s Democratic Party) nicht unumstritten ist. Sein Gegner ist der ehemalige General und Militärmachthaber Muhammadu Buhari, ein Muslim aus dem Norden, der für das Oppositionsbündnis APC (All Progressives Congress) ins Rennen geht.

          Wie bei allen Wahlen zuvor wird die Auseinandersetzung im Volksmund auf einen Gegensatz von Christ gegen Muslim reduziert, obwohl Jonathan zahlreiche muslimische Anhänger hat und Buhari viele Christen hinter sich weiß. Doch dieses Mal kommt noch etwas anderes hinzu: die Islamisten von Boko Haram und ihr Terror, der in den vergangenen fünf Jahren mutmaßlich mehr als 13.000 Todesopfer gefordert hat. Die Mehrheit davon waren Muslime. „Wir fühlen uns im Stich gelassen“, sagt der Vigilant Dambana.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.