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Nigeria : Allein mit dem Terror

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Wer ist Schuld an der Misere?

In Yola wurden sie auf einen Lastwagen geladen und nach Kano verfrachtet, weil Yola bereits überquoll vor Flüchtlingen. Staatliche Hilfe, ja, die habe es gegeben. Am Anfang, dann nicht mehr. Jetzt hält sich der Student als Tagelöhner über Wasser. Er schleppt Lasten auf dem Markt, macht Besorgungen, alles, was ein bisschen Geld bringt. Will er zurück nach Mubi? „Natürlich“, sagt Kabiru, „aber erst nach den Wahlen, wenn sich alles beruhigt hat.“ Kabiru, wer hat Schuld an diesem Zustand? „Politics, of course“, sagt er.

Frauen in einem Flüchtlingslager in Yola
Frauen in einem Flüchtlingslager in Yola : Bild: AP

Der Kugelfang besteht aus Paletten mit Dosenbier: Acht Stück übereinander und drei Stück tief sind sie gestapelt. Zwei solcher Barrikaden verrammeln den Eingang zu dem kleinen Laden in der Ibo Street. Der Name sagt alles: Ibo, das ist ein Volk aus dem christlichen Süden Nigerias, und die Ibo Street ist ihre Siedlung in Sabon Geri, dem christlichen Viertel von Kano. Zwei solcher Barrikaden verrammeln den Eingang zu dem Laden. „Besser als nichts“, sagt der junge Ladenbesitzer angesichts seiner Palisade aus „Star“-Bierbüchsen. Seinen Namen will er nicht nennen, aber erzählen will er trotzdem.

Von den Brandanschlägen auf die christlichen Läden in Kano, den Schüssen aus dem Hinterhalt, abgefeuert vom Rücksitz eines Motorrads, und von den seltsamen Anrufen mitten in der Nacht. Die Christen im muslimischen Norden waren die ersten Opfer von Boko Haram, bevor diese dazu übergingen, ganze Dörfer zu massakrieren. Der Ladenbesitzer hat genug. „Boko Haram ist schon schlimm genug. Aber die kommenden Wahlen machen mir richtig Angst“, sagt er. Deshalb will er Kano vorübergehend verlassen. Und hofft, dass sein Laden bei seiner Rückkehr noch steht.

Der Feind meines Feindes ist auch mein Feind

Zwei Straßen von dem Laden entfernt lebt „Bishop“ Ransom Bello wie ein Gefangener im eigenen Haus. Cavalry Live Assembly nennt sich seine Freikirche. Sie gleicht einer Festung. Der Zugang ist mit Fahrzeugsperren und Betonquadern verstellt. Zwei Polizisten in Uniform und einer in Zivil schieben davor Wache. Der Kirchenmann steht auf der Abschussliste von Boko Haram. Sagt jedenfalls der nigerianische Inlandsgeheimdienst, der Bello unlängst vor zwei Männern warnte, die eigens auf ihn angesetzt seien. Der 62 Jahre alte Prediger ist so etwas wie der letzte Mohikaner. Von den ehedem 2000 Mitgliedern seiner Gemeinde sind noch 400 übrig. „Jeder Christ, der es sich leisten kann, verlässt die Stadt“, sagt er.

Und er kann es ihnen nicht verdenken. Die Liste der Angriffe ist lang: Feuerüberfälle auf Busstationen auf dem Weg zum Gottesdienst, Bombenangriffe auf Privathäuser, telefonische Morddrohungen ohne Ende. „Das ging so weit, dass jeder von uns in Panik geriet, wenn ein Muslim sich auch nur näherte“, erzählt Bello. Inzwischen herrsche so etwas wie Waffenstillstand zwischen den Christen und den Muslimen in Kano, weil diese selbst zum Ziel der Terrorangriffe von Boko Haram geworden seien.

„Das wird sich in dem Moment ändern, wenn Boko Haram erledigt ist“, prophezeit der Bishop. Sind die Tage der Christen in Kano und damit der friedlichen Koexistenz der Konfessionen in Nigeria deshalb gezählt? Da grinst der Mann und zitiert aus dem Matthäus-Evangelium: „Auf diesem Fels will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“ Draußen spielen die Polizisten gelangweilt mit ihren Handys.

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