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Nigeria : Allein mit dem Terror

  • -Aktualisiert am

Bewaffnete Banden zur Einschüchterung des politischen Gegners einzuspannen ist gang und gäbe in Nigeria. Vor den Wahlen haben diese Schläger stets Hochkonjunktur. Darin unterscheidet sich das christliche Port Harcourt in nichts vom muslimischen Maiduguri im Bundesstaat Borno, wo Boko Haram herstammt. Der ehemalige Gouverneur von Borno, Modu Ali Sheriff, darf deshalb als so etwas wie der Erfinder von Boko Haram bezeichnet werden. Für seinen Wahlkampf im Jahr 2003 hatte er eine Schlägerbande organisiert und bezahlt, die für ihn auf die Anhänger der Opposition eindrosch, sobald die sich auf der Straße zeigten.

Boko Haram kommt aus dem ärmsten Teil Nigerias

Einmal im Amt, wollte sich Sheriff nicht mehr an sein Versprechen erinnern, diesen Typen weiter Geld zu zahlen. Deshalb nahm sich ein anderer der jungen Männer an und gründete mit ihnen eine religiöse Sekte namens Boko Haram. Der Mann hieß Muhammad Yusuf, und seine Forderung nach der Einführung der Scharia stieß in Borno, einem der ärmsten und unterentwickeltsten Bundesstaaten Nigerias, auf Zustimmung, weil die Menschen einfach nichts mehr zu verlieren hatten. Die Analphabetenrate in Borno State beträgt 95 Prozent.

Gouverneur Sheriff sah das Wachsen von Boko Haram mit Wohlwollen, war das doch schließlich „seine“ Truppe. Im Jahr 2006 machte er einen der Führer der Sekte, Alhaji Buji Foi, sogar zum Regionalminister für religiöse Angelegenheiten. Warnungen hoher islamischer Geistlicher vor den Hasspredigten der neuen Sekte wurden in der Hauptstadt Abuja ignoriert, weil der Gouverneur von Borno ein treues Mitglied der Regierungspartei war. Das war zu einer Zeit, als der Präsident Nigerias noch Olusegun Obasanjo hieß. Als die Sicherheitsdienste 2009 endlich gegen die Sekte vorgingen und diese als Reaktion darauf ein Massaker in Maiduguri anrichteten, was es längst zu spät. Aus der Sekte war schon längst eine Kampftruppe geworden.

„Schließt euch uns an oder sterbt.“

Die Folgen dieses politischen Laissez-faire sitzen zusammengepfercht in einer Hinterhofwohnung im Stadtzentrum von Kano. Fünfzig Personen aus drei Familien sind es, die sich die schimmeligen Zimmer der Notunterkunft teilen. Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser. Der gesamte Hausrat liegt in einer Ecke und ist schnell beschrieben: der übliche große Kochtopf, ein paar Plastikschalen, Strohmatten. Kabiru, ein junger Mann mit sanfter Stimme, erzählt, wie die Kämpfer von Boko Haram eines Tages in Mubi einfielen, einem Ort im Bundesstaat Adamawa.

Das war im Oktober vergangenen Jahres. Sie waren auf Mopeds gekommen, vielleicht zwei Dutzend Männer. „Sie haben sofort angefangen, zu schießen“, sagt Kabiru. Dann hätten sie Läden und Privatwohnungen geplündert. Die Bewohner wurden vor die Wahl gestellt: „Schließt euch uns an oder sterbt.“ Kabiru sagt, es seien Ausländer gewesen, Tschader. Aber so genau weiß er das nicht, es könnten auch Kanuri von der nigerianischen Seite des Tschadsees gewesen sein. „Die hatten Verbindungsleute im Dorf, die kannten sich richtig gut aus.“

Kabiru sagt, er sei einfach nur losgerannt. Tagsüber versteckte er sich im Wald und traute sich nur nachts auf die Straße in die Provinzstadt Yola. Die 110 Kilometer von Mubi nach Yola ist er zu Fuß gegangen, zusammen mit anderen Flüchtlingen aus seinem Dorf. Einige seien unterwegs an Entkräftung gestorben, sagt er.

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