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Boko Haram in Nigeria : Kinder des Todes

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Vom eigenen Vater geschickt: die 13 Jahre alte Zahra’u Babangida, die in Kano mit einem Sprengstoffgürtel festgenommen wurde Bild: AFP

Die islamistische Terrormiliz Boko Haram lässt in Nigeria immer mehr Selbstmordattentate von Frauen verüben – und von kleinen Mädchen. Dahinter steckt eiskaltes Kalkül.

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          Vor zwei Monaten war es ein zehn Jahre altes Mädchen, am vergangenen Wochenende ein Mädchen von vielleicht sieben Jahren, das sich in Nigeria bei einem Selbstmordattentat in die Luft sprengte. Die Brutalität der Islamisten von Boko Haram scheint nicht nur gegenüber den Opfern keine Grenzen mehr zu kennen. Das nach Berichten von überlebenden Augenzeugen zwischen sieben und acht Jahre alte Kind hatte sich am Sonntag in der nordnigerianischen Stadt Potiskum auf einem Markt namens Kasuwar Jagwal in die Luft gesprengt und dabei mindestens fünf weitere Menschen mit in den Tod gerissen. Genau dort hatten Anfang September vergangenen Jahres zwei junge Frauen, eine davon ein Teenager, 19 Menschen durch die Explosion ihrer Sprengstoffgürtel ermordet.

          Wie immer in Nigeria gibt es kaum Angaben über den Hergang des jüngsten Attentats. Nur so viel scheint sicher zu sein: Der Sprengstoffgürtel, den das Kind trug, wurde nicht ferngezündet, sondern von ihm selbst ausgelöst.

          Boko Haram benutzt seit geraumer Zeit weibliche Selbstmordattentäter, und die Frauen werden immer jünger. Die Liste der Anschläge ist lang: Im Verlauf der vergangenen zwölf Monate waren es mehr als zwei Dutzend. Hinter dem verstärkten Einsatz von weiblichen Angreifern steckt eiskaltes Kalkül.

          Während männliche Besucher von Märkten und öffentlichen Veranstaltungen im muslimischen Norden Nigerias von Soldaten und örtlichen Selbstverteidigungsgruppen meist gründlich nach Waffen und Sprengstoff durchsucht werden, gilt das für verschleierte Frauen nicht. Kein Mann würde es wagen, eine Frau in der Öffentlichkeit abzutasten, und weibliches Sicherheitspersonal ist rar. Außerdem: „Wer verdächtigt schon ein Kind?“, fragte kürzlich der Polizeichef von Kano, Aderline Shinaba.

          Führen die Frauen den Kampf ihrer gefallenen Männer fort?

          Dass sich ausgerechnet Frauen im Namen von Islamisten töten, für die Frauen nicht viel mehr als Gebärmaschinen sind, mutet bizarr an. Dementsprechend schießen in Nigeria die Spekulationen über die Motive dieser Frauen und Mädchen ins Kraut. Eines dieser Gerüchte besagt, dass es sich insbesondere bei den jungen Attentäterinnen um Geiseln von Boko Haram handele, die einer Gehirnwäsche unterzogen worden seien – genauer gesagt um einige der mehr als 200 Schulmädchen, die im April vergangenen Jahres in Chibok entführt worden waren und von denen seither jede Spur fehlt. Anhaltspunkte für diese Theorie aber gibt es keine.

          Andere Zeitungskommentatoren gehen davon aus, dass es sich bei den Attentäterinnen um die Witwen getöteter Kämpfer von Boko Haram handele, die ähnlich der „schwarzen Witwen“ in Tschetschenien den Kampf ihrer Männer weiterführen. Ob sich allerdings unter den Attentäterinnen der vergangenen Monate solche Witwen befanden, ist zumindest öffentlich nicht bekannt.

          Aufschlussreicher sind die Aussagen der wenigen lebendig gefassten Attentäterinnen, wie etwa die der 13 Jahre alten Zahra’u Babangida. Sie wurde im Dezember vergangenen Jahres in der Millionenstadt Kano festgenommen, als sie sich anschickte, ihren Gürtel auf einem belebten Textilmarkt zu zünden. Das Mädchen wurde nach seiner Festnahme im staatlichen Fernsehen präsentiert: ein verängstigtes Kind, das nicht einmal die Lingua franca des Nordens, Hausa, sprach, sondern sich in einem Dialekt ausdrückte. Sie habe nicht sterben wollen, sagte sie, aber ihr Vater habe ihr den Anschlag befohlen.

          Nigerias Präsident Goodluck hat Boko Haram unterschätzt

          Ähnlich äußerten sich auch die beiden im Bundesstaat Borno gefassten Selbstmordattentäterinnen, die eine 16 Jahre alt, die andere 19 Jahre alt. Ob diese „Anweisungen“ aber aus religiöser beziehungsweise ideologischer Überzeugung geschahen oder ob nicht vielmehr ein finanzieller Anreiz dahintersteckte, bleibt weiter im Dunkeln. Der Norden Nigerias, insbesondere Borno, wo Boko Haram stammt, ist bitterarm. Sich als Mann Boko Haram anzuschließen, bedeutet sofortigen Verdienst, und sei es nur das bisschen, dass sich in den überfallenen Ortschaften plündern lässt.

          Insofern wäre es nicht verwunderlich, wenn die Islamisten den Familien Geld dafür zahlen, wenn sie ihre Kinder als Selbstmordattentäter hergeben. Die sozialen Gegebenheiten insbesondere in Borno jedenfalls sind wie geschaffen für ein solch barbarisches Vorgehen: Die Analphabetenrate liegt jenseits der achtzig Prozent und die durchschnittliche Geburtenrate bei acht Kindern pro Frau.

          In einem Interview mit der angesehenen Tageszeitung „This Day“ am Wochenende gab Präsident Goodluck Jonathan zu, Boko Haram „unterschätzt“ zu haben. „Wir, also ich und meine Berater, haben die strategischen Fähigkeiten dieser Verbrecher offenbar deutlich unterschätzt“, sagte das Staatsoberhaupt in einem seltenen Anflug von Aufrichtigkeit. Dass das soziale und wirtschaftliche Elend, von dem Boko Haram so profitiert, eine direkte Folge staatlicher Misswirtschaft und der schier uferlosen Korruption ist, verschwieg Jonathan allerdings.

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