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Entführung in Nigeria : Wo sind die Mädchen von Chibok?

  • -Aktualisiert am

In Sorge: Demonstranten in Abuja fordern eine verstärkte Suche nach den entführten Mädchen und den Geiselnehmern Bild: REUTERS

Noch immer fehlt jede Spur von den nigerianischen Schülerinnen, die von Boko Haram entführt wurden. Die Wut der Eltern auf Regierung und Armee wächst.

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          Die Entführung von offenbar fast 200 Schülerinnen im Norden Nigerias durch die radikal-islamistische Sekte Boko Haram vor mehr als zwei Wochen entwickelt sich zunehmend zu einer ernsthaften politischen Krise. Die Kritik an der nigerianischen Armee, der es bislang nicht gelang, die Geiseln zu befreien, wächst. Nach wie vor fehlt jede Spur von den Mädchen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren, bisher ist nicht einmal die genaue Zahl der Verschleppten bekannt. Nach Angaben des Gouverneurs des Bundesstaates Borno waren am 14. April in der Ortschaft Chibok 129 Mädchen entführt worden, von denen 52 flüchten konnten. Die Direktorin der Schule, Asabe Aliyu Kwarmbula, und die Bewohner von Chibok hingegen behaupten, es seien 230 Schülerinnen gewesen, von denen immer noch 187 vermisst würden. Am Mittwoch hatten sowohl in der Hauptstadt Abuja als auch in Kano, der größten Stadt des überwiegend muslimischen Nordens, mehrere hundert Menschen gegen die Regierung protestiert, der sie in der Sache Unfähigkeit vorwerfen.

          Weitere Protestmärsche, unter anderem in der Wirtschaftsmetropole Lagos, sind geplant. „Wie kann es sein, dass im Zeitalter von Drohnen, Google Maps und Luftangriffen 200 Mädchen einfach so verschwinden?“, sagte die Organisatorin der Protestmärsche, Hadiza Bala Usman, am Mittwoch. In nigerianischen sozialen Netzwerken sind die Entführung der Schülerinnen und das als inkompetent wahrgenommene Vorgehen der Armee bei der Suche nach den Mädchen seit zwei Wochen das wichtigste Thema. Doch die nigerianische Regierung, die in dem seit vier Jahren dauernden Kampf gegen Boko Haram noch nie eine gute Figur gemacht hat, hüllt sich auch in diesem Fall in Schweigen und erklärt dies mit „Sicherheitsbedenken“. Der nigerianische Generalstabschef wiederum behauptet, den Aufenthaltsort der Geiseln „ziemlich genau“ zu kennen, aber aus Sorge um deren Unversehrtheit nicht zu intervenieren. Angeblich soll die Armee in der vergangenen Woche bis zu 40 Kämpfer von Boko Haram in der Nähe von Chibok getötet haben, als sie nach den Verschleppten suchte, aber diese Information kann nicht von unabhängigen Quellen überprüft werden.

          Eine Kooperation zwischen Boko Haram und der Armeeführung?

          Inzwischen ist die Wut in Chibok auf die Streitkräfte derart groß, dass die Eltern der Entführten sich auf eigene Faust aufmachen wollen, ihre Kinder zu suchen. Boko Haram unterhält nördlich von Chibok im Sambisa-Naturschutzgebiet, in einem ausgedehnten Wald, befestigte Stützpunkte. Dorthin sollen die Mädchen zunächst gebracht worden sein, heißt es. Die Existenz dieser Lager ist seit langem bekannt; warum diese Stützpunkte trotz der vor einem Jahr begonnenen Militäroffensive gegen Boko Haram immer noch existieren, bleibt vorerst das Geheimnis der nigerianischen Armee. Der Vorsitzende des Ältestenrates von Chibok, Pogu Bitrus, befürchtet, dass die Mädchen von dem Waldlager aus in Richtung tschadische Grenze gebracht worden sein könnten, um dort als Sklaven verkauft zu werden. In der kruden Wertevorstellung der Islamisten von Boko Haram ist jede Frau, die beim „Feind“ gefangenen genommen wird, sexuelles Freiwild, mit dem nach Belieben verfahren werden darf. Der mutmaßliche Anführer der Sekte, Abubakar Shekau, von dem die Armee behauptet, er sei längst tot, hatte eine solche Drohung erstmals in einem im Mai vergangenen Jahres veröffentlichten Video ausgesprochen.

          Für die Regierung von Präsident Goodluck Jonathan ist die Entführung von Chibok ein politisches Desaster – zumal im kommenden Jahr Wahlen anstehen. Viele Oppositionelle fragen inzwischen offen, ob Nigeria überhaupt noch so etwas wie eine Führung hat, woraufhin Innenminister Abba Moro ihnen zu Beginn der Woche vorwarf, aus der Entführung der Mädchen politisches Kapital schlagen zu wollen.

          Dabei ist es eher sein eigenes Lager, das – buchstäblich – Kapital aus dem Terror der Sekte Boko Haram schlägt. Fast ein Fünftel des nigerianischen Staatshaushaltes wird inzwischen für den Sicherheitsbereich aufgewendet, und diese Summe steigt, je größer die Bedrohung erscheint. Bei der Beschaffung von immer neuen Anti-Terror-Systemen kassieren die Generäle hohe Vermittlergebühren, und der privatisierte Sektor des Anti-Terror-Kampfes wird von Firmen kontrolliert, die Generälen, Gouverneuren und Senatoren gehören. Es ist schlichtweg nicht in ihrem Interesse, dass sich die Sicherheitslage bessert. Inzwischen gibt es ernsthafte Hinweise auf eine Art von Kollaboration zwischen Boko Haram und der Armeeführung, bei der es um abgesprochene Angriffe und um Waffengeschäfte gehen soll. Die Vorwürfe waren von einfachen Soldaten in Borno erhoben worden, die daraufhin versetzt wurden.

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