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Boko Haram : Ein paar Kolanüsse für eine Frau

  • -Aktualisiert am

Der echte Anführer oder nur ein Doppelgänger? Undatiertes Foto vom angeblichen Milizenchef Abubakar Shekau Bild: AP

Die islamistische Sekte Boko Haram entführt weiterhin Mädchen, obwohl die nigerianische Regierung seit Wochen von einem Waffenstillstand redet. Verhandelt sie überhaupt mit den richtigen Islamisten?

          3 Min.

          Sechs Monate ist es her, dass radikale Islamisten von Boko Haram in der nordnigerianischen Stadt Chibok ein Internat überfielen und mehr als 200 Schülerinnen verschleppten. Die Welt zeigte sich empört und twitterte eifrig den Hashtag einer nigerianischen Gruppe, deren Kampagne „BringBackOurGirls“ nicht zuletzt die nigerianische Regierung auf Trab bringen sollte. Ein halbes Jahr später haben sich die virtuell Empörten längst der Ebola-Epidemie zugewandt, und von den Mädchen fehlt immer noch jede Spur.

          Dabei behauptet die nigerianische Regierung seit nunmehr sechs Wochen, zwischen Armee und den Islamisten sei ein Waffenstillstand vereinbart worden und die Freilassung der Mädchen stehe unmittelbar bevor. Am Freitag wurde nun ein Video bekannt, in dem ein Mann, der sich als Milizenchef Abubakar Shekau ausgibt, eine derartige Waffenruhe bestritt. Er behauptete zudem, den Verhandlungsführer für Boko Haram nicht zu kennen. Weiterhin teilte der Mann mit, dass die entführten Mädchen längst verheiratet seien.

          Es ist nicht leicht, aus dem Wust aus Halbwahrheiten und glatten Lügen, insbesondere der nigerianischen Armee, so etwas wie halbwegs verlässliche Informationen zu ziehen, zumal die Gebiete, in denen Boko Haram wütet, für unabhängige Beobachter unzugänglich sind. Als mehr oder weniger gesichert gilt lediglich, dass die nigerianische Regierung mit Unterhändlern der Sekte in Kontakt steht. Das bestätigte ein Teilnehmer der Verhandlungen, der bekannte nigerianische Menschenrechtsaktivist Fred Eno. In die Verhandlungen involviert sei auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, das nach Edo einen Gefangenenaustausch organisieren soll.

          Die Islamisten formieren sich neu

          Offenbar ist die nigerianische Regierung von ihrer ursprünglichen Haltung abgerückt, keine inhaftierten Kämpfer der Sekte im Austausch gegen die Mädchen freizulassen. Die Rede ist nun von dreißig Inhaftierten, darunter einige Kommandeure der Islamisten. Ein erster Austauschversuch soll nach Angaben nigerianischer Medien aber daran gescheitert sein, dass die Terroristen für die dreißig Inhaftierten nur dreißig Mädchen freilassen wollten und nicht die gesamte Gruppe. Zudem scheint es sowohl innerhalb der nigerianischen Regierung als auch innerhalb der Terrorgruppe große Vorbehalte gegen einen Austausch zu geben. Auf Seiten der Regierung wird argumentiert, dass die Freilassung überführter Massenmörder nur weiteres Unheil heraufbeschwöre, während auf Seiten von Boko Haram nach Einschätzung des Menschenrechtsaktivisten Eno eine Rückkehr der alten Kommandeure von ihren Nachfolgern mit gemischten Gefühlen betrachtet werde.

          In jüngster Zeit war die Rede von weiteren Verhandlungen, die offensichtlich im Nachbarland Tschad stattfinden. Ob sich die tschadische Regierung in irgendeiner Form daran beteiligt, ist allerdings unklar. Weil bisher weder die nigerianische Armee noch die amerikanischen Aufklärungsflüge die Verschleppten in Nigeria orten konnten, wird spekuliert, dass die Mädchen in kleinere Gruppen aufgeteilt und in die Nachbarländer Kamerun und Tschad gebracht wurden.

          Auch über den von der nigerianischen Armee verkündeten Waffenstillstand mit Boko Haram gibt es widersprüchliche Informationen. Fest steht, dass die Sekte im September im Grenzgebiet von Nigeria und Kamerun eine herbe Niederlage gegen die Armee einstecken musste. Die Angriffe von Boko Haram haben danach tatsächlich drastisch abgenommen. Das liegt wohl daran, dass die Islamisten sich neu formieren.

          Verhandlungen mit den Richtigen?

          Nach unbestätigten Informationen sollen bei den Kämpfen mehrere hundert Islamisten getötet worden sein. Dabei wurde von der Armee der Tod des Sektenführers Abubakar Shekau verkündet. Wenig später ging das Gerücht, Shekau sei schon vor Jahresfrist getötet worden. Der nun getötete Mann sei ein Doppelgänger gewesen: und zwar Bashir Mohammed, der wiederum ein Kommandeur der Islamisten für die Region von Uye im Bundesstaat Borno sei. Aber auch Bashir Mohammed soll sich zwischenzeitlich wieder in einem Video zu Wort gemeldet haben.

          Das neu veröffentlichte Video des falschen oder auch echten Shekau muss nicht bedeuten, dass es nicht doch ein Waffenstillstandsabkommen sowie ernsthafte Bemühungen gibt, die Mädchen aus der Geiselhaft zu befreien. Es stellt sich aber die Frage, ob die Regierung mit den richtigen Islamisten verhandelt. Die Struktur von Boko Haram und die Kommandokette sind auch im fünften Jahr des Terrors ein Geheimnis geblieben. Die Rede ist immer wieder von einem dreißigköpfigen „Rat“, doch bislang ist es den durchaus fähigen nigerianischen Diensten offenbar nicht gelungen, diesen zu identifizieren, geschweige denn zu infiltrieren.

          Von einem Waffenstillstand kann derzeit jedenfalls keine Rede sein. Seit er von Regierungssprecher Doyin Okupe Mitte Oktober verkündet worden war, hat es unzählige Gefechte zwischen Armee und mutmaßlichen Terroristen gegeben, die letzten am vergangenen Mittwoch in der Ortschaft Kukawa am Tschad-See. Und auch die Entführungen gehen unvermindert weiter. Vor rund zehn Tagen waren bei Überfällen auf zwei christliche Dörfer im Bundesstaat Adamawa 60 Mädchen und Frauen verschleppt worden. Die Kidnapper hatten 1500 Naira (sieben Euro) und Kolanüsse als „Brautpreis“ für jedes der Opfer hinterlassen.

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