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Befreiung entführter Mädchen : Die neue Schlagkraft der nigerianischen Armee

  • -Aktualisiert am

Soldaten der nigerianischen Armee patrouillieren bei Chibok. Bild: dpa

Abermals verkündet die nigerianische Armee die Befreiung Dutzender Mädchen und Frauen aus den Fängen von Boko Haram. Ihre Militäroperationen finden nun auch im Rückzugsgebiet der Islamistengruppe statt – offenbar mit Hilfe südafrikanischer Söldner.

          Die nigerianische Armee hat nach eigenen Angaben etwa 160 weitere Geiseln aus der Gewalt der Islamistengruppe Boko Haram befreit. Es handele sich um etwa 60 Frauen und 100 Kinder, sagte ein Militärsprecher am Donnerstag. Bei den Gefechten mit Boko-Haram-Kämpfern im Nordosten Nigerias wurden demnach eine Frau und ein Soldat getötet sowie acht Geiseln und vier Soldaten verletzt.

          Erst am Dienstagabend hatte die Armee die Freilassung von mehr als 200 minderjährigen Mädchen sowie 93 erwachsenen Frauen verkündet. Bei den Befreiten soll es sich nicht um die 219 Schulmädchen aus Chibok handeln, die im vergangenen Jahr verschleppt worden waren und deren Schicksal auf der ganzen Welt für Anteilnahme gesorgt hat. Vielmehr sollen die Befreiten aus der Region am Tschadsee stammen, die bis zu der Militärintervention der tschadischen Armee im Februar unter der Kontrolle der Islamisten stand. Wie viele Mädchen und Frauen die Terroristen im vergangenen Jahr entführt und zwangsverheiratet haben, ist nicht bekannt.

          Die Mädchen und Frauen sollen im Naturschutzgebiet Sambisa Forest südlich von Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno, festgehalten worden sein. Maiduguri gilt als Hochburg von Boko Haram. Die nigerianische Armee teilte mit, sie habe drei befestigte Lager der Terrorgruppe in Sambisa vernichtet und dabei die Geiseln entdeckt. Der Wald von Sambisa ist mit 60.000 Quadratkilometern zweimal so groß wie Belgien und dient den Islamisten seit langem als Rückzugsgebiet. Die Schülerinnen von Chibok waren eine Zeitlang in diesem Wald vermutet worden. Zuletzt aber will eine frühere Geisel aus Maiduguri, die fliehen konnte, rund 90 der vermissten Schülerinnen in der Stadt Gwoza gesehen und gesprochen haben. In Gwoza befand sich das frühere Hauptquartier von Boko Haram, das vor wenigen Wochen von der nigerianischen Armee zurückerobert wurde. Die Islamisten hatten die Mädchen auf ihrer Flucht mitgenommen.

          Dass die nigerianische Armee ihr Operationsgebiet auf den Wald von Sambisa ausdehnt, ist bemerkenswert. Seit Beginn der Offensive im Mai 2013 in den drei Bundesstaaten Borno, Adamawa und Yobe hatte sie sich nicht dort hineingewagt. Die neue Schlagkraft ist nach Einschätzung von Beobachtern in Nigeria vor allem dem Einsatz südafrikanischer Söldner geschuldet. Es handelt sich um Veteranen aus dem Angola-Krieg in den achtziger Jahren, die heute alle weit über 50 Jahre alt sind. Die Rede ist von „mehreren hundert“ Söldnern, unter denen auch ehemalige Soldaten aus Osteuropa sein sollen. Fest steht, dass es sich bei den geschätzt 100 Südafrikanern um ehemalige Mitglieder des aus dem Angola-Krieg berüchtigten „32. Battalion Buffalo“ und der in Südwestafrika (dem heutigen Namibia) eingesetzten Polizeisondereinheit „Koevoet“ (Kuhfuß) handelt. Beide Einheiten waren auf das „Aufspüren und Vernichten“ von gegnerischen Truppen im Busch spezialisiert und nahmen dabei wenig Rücksicht. Nach der Auflösung dieser Einheiten fanden viele ihrer Mitglieder ab 1989 neue Arbeit bei der ersten privaten Söldnerarmee der Welt, Executive Outcomes, in Südafrika. Executive Outcomes wurde 1999 auf Druck der südafrikanischen Regierung aufgelöst. Seit 2006 ist es für Südafrikaner zudem strafbar, sich an paramilitärischen Einsätzen im Ausland zu beteiligen.

          In Nigeria scheint die Söldnerfirma aus Pretoria wiederaufzuleben. Die maßgeblichen Akteure sind dort nach übereinstimmenden Angaben die Südafrikaner Eeben Barlow und Cobus Claassens. Barlow war Kommandeur der Aufklärungseinheit des „Buffalo Battalion“ und einer der Gründer von Executive Outcomes. Claassens wiederum gilt als eine der Schlüsselfiguren bei dem Einsatz von Executive Outcomes in Sierra Leone 1995. Beide betreiben in Nigeria offenbar private Sicherheitsfirmen.

          Nigerianische Regierungsvertreter haben den Einsatz der Südafrikaner inzwischen zugegeben, wenngleich dabei nur von „Training“ für die eigenen Soldaten die Rede ist. Informationen aus Maiduguri, wo die Söldner am Flughafen stationiert sind, zeichnen ein anderes Bild. Demnach sind die Piloten der dort eingesetzten Kampfhubschrauber sowohl Ukrainer als auch Südafrikaner. Zudem sollen die Südafrikaner die Kommandoaktionen gegen Stützpunkte von Boko Haram anführen, deren Erfolge die nigerianische Armee stets für sich beansprucht. Das amerikanische Online-Magazin „Special Operations Forces Situation Report“ (Sofrep) will kürzlich ein Interview mit Eeben Barlow geführt haben, in dem dieser seinen Vertrag mit der nigerianischen Regierung beschreibt: „Wir verstehen halt ein oder zwei Dinge vom Krieg im Busch.“ Der Direktor des südafrikanischen Institute for Security Studies, Jakkie Cilliers, hält die Söldner in Nigeria „für eines der letzten Relikte der Apartheid“. Gleichwohl erkennt er ihre militärische Kompetenz an: „Das sind Cowboys, die es lieben, ihre Knarren zu schwingen. Aber ehrlich gesagt: Die sind richtig gut darin.“

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