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Bleichcremes : Schwarz und Weiß

  • -Aktualisiert am

Aus schwarz mach weiß: was übrig bleibt ist fleckige, vernarbte und verbrannte Haut Bild: Wohlfahrt, Rainer

Viele Afrikanerinnen wollen helle Haut haben. Dafür gibt es Bleichcremes: ein Riesengeschäft für europäische Hersteller. Dabei sind die Produkte extrem schädlich und ein Riesenproblem für Hautärzte.

          8 Min.

          Sprache sei eine Waffe, soll Léopold Sédar Senghor 1936 gesagt haben. Kurz darauf schrieb er eine Liebeserklärung an die „Schwarze Frau“. Seiner senegalesischen Heimat rief er zu: Seid stolz auf eure Kultur, auf eure Geschichte, auf eure Hautfarbe. Seine Worte wirkten weit über Senegal hinaus, sie begründeten eine politische Bewegung. Senghor, der Dichter und Philosoph, führte das Land in die Unabhängigkeit, seine Ode an die „Schwarze Frau“ wurde zum Ausdruck afrikanischen Selbstbewusstseins.

          Heute wird die Heimat der Négritude von einer Weißmacher-Kampagne überrollt. „Weiß in 15 Tagen!“ Die Plakate hängen überall in Dakar. Sie werben für eine Creme. Darauf zu sehen ist eine Frau: zuerst schwarz - dann weiß. Sehr weiß. Photoshop-Weiß nennen es manche Senegalesen.

          „Das ist doch Irrsinn!“, sagt Fatimata Ly, Ärztin im Universitätsklinikum Dakar. „Wie kann man uns erzählen, man könnte in fünfzehn Tagen die Hautfarbe wechseln? Und vor allem: Wozu?“ Sie schüttelt den Kopf. Diese Bleichcreme-Werbung raube ihr noch den letzten Nerv. Frau Ly behandelt diejenigen, die der Werbung Glauben schenkten. Sie strecken der Ärztin entgegen, was oftmals übrig bleibt von der Verschönerung: fleckige Haut, vernarbte Haut, verbrannte Haut.

          Epidemische Ausmaße

          Fatimata Ly kämpft schon seit zehn Jahren gegen die sogenannte künstliche Depigmentation. Der Wunsch, die Haut aufzuhellen, ist nicht neu und in weiten Teilen Westafrikas verbreitet. „Weiß sein, heißt schön sein, heißt erfolgreich sein“, sagt die Ärztin. Weiß werden, das heißt aber auch: erhöhte Krebsgefahr, Verbrennungen, Entzündungen, Schädigungen des Drüsengewebes. Das Ganze habe epidemische Ausmaße angenommen, sagt die 45 Jahre alte Ärztin. Die Hälfte aller Frauen, die zu ihr in die dermatologische Abteilung der Uniklinik Cheikh Anta Diop kämen, habe sich die Haut mit Bleichcremes ruiniert.

          Die Cremes werden in westafrikanischen Hinterhöfen hergestellt oder aus dem Ausland importiert. So genau weiß das niemand. Es soll auch niemand genau wissen. Die neue Marke „Khess Petch“ („Ganz weiß“), die seit einigen Monaten auf dem Markt ist, kennt dank der etwa 15.000 Euro teuren Werbekampagne jeder im Senegal - über den Hersteller ist wenig bekannt. Auch das senegalesische Gesundheitsministerium zeigt sich ahnungslos: Es sei nur für den Import von Medikamenten zuständig, nicht für Kosmetika, teilt Gesundheitsministerin Eva Coll Seck der F.A.S. in einer Stellungnahme mit. Und die Hautcremes werden eben als Kosmetika eingestuft.

          „Natürlich handelt es sich dabei um Medikamente“, sagt Fatimata Ly. Die Cremes enthielten Clobetasol, Hydrochinon und Tretinoin. Diese Wirkstoffe sind in Europa in Kosmetika verboten. Im Senegal werden sie weiterhin im großen Stil verkauft, auch von europäischen Firmen.

          Die Haut wird ruiniert

          Tretinoin ist eine Vitamin-A-Säure. Sie beschleunigt das Absterben der oberen Hautschicht. Der Körper stößt die melaninhaltigen Zellen ab. Die Hornhautschicht wird dünner. So kann der zweite Wirkstoff, das Hydrochinon, leichter in die Zellen eindringen - und dort verhindern, dass neues Melanin gebildet wird. Hydrochinon ist ein chemischer Stoff, der auch bei der Entwicklung von Fotos benutzt wird. In Deutschland ist diese Chemikalie in Kosmetika verboten. Erlaubt ist sie lediglich in Haarfärbemittel in der Konzentration von maximal 0,3 Prozent. Die Cremes, die im Senegal verkauft werden, können mehr als das Hundertfache des Wirkstoffs enthalten: Ein Anteil von fünf bis 20 Prozent ist üblich.

          Hydrochinon kann durch die Haut aufgenommen werden, ins Blut gelangen und das Erbgut schädigen. Im schlimmsten Fall können Kinder mit Missbildungen zur Welt kommen. In Deutschland warnen Arzneimittelverbände auf Beipackzetteln deshalb schon vor der Verwendung von Medikamenten mit minimaler Tretinoin-Hydrochinon-Dosierung. Sie dürften nur kurz und lokal beschränkt eingesetzt werden - und in keinem Fall während der Schwangerschaft. Die Hersteller der Bleichcremes in Westafrika raten dazu, „sich morgens und abends am ganzen Körper großzügig mit der Creme einzureiben“, um den maximalen Effekt zu erhalten. Sicherheitshinweise gibt es selten. Die Angabe von Inhaltsstoffen fehlt meistens. Viele Frauen folgen dem Rat.

          Die Haut wird nicht nur durch die Cremes malträtiert, sie verbrennt auch leichter unter der Sonne. Sie färbt sich rot und juckt. Zunächst lässt der dritte Wirkstoff, das Clobetasol, Rötungen verschwinden. Clobetasol ist ein starkes Kortison. Es gaukelt den Erfolg der bleichenden Creme vor. Doch auf lange Sicht laugt es die Haut aus; sie wird dünn und überempfindlich. Pilze und Bakterien können sich leichter ausbreiten. Es kommt zu Entzündungen.

          Es bildeten sich Blasen voller Blut

          Aminas Haut gleicht abgenutztem Leder. Stirn, Nase, Kinn, Wangenknochen - alle der Sonne ausgesetzten Körperstellen scheinen von einer dunklen, starren Schicht überzogen zu sein. Wenn sie spricht, bewegt sich nur ihr Mund. Ihre Augen glänzen hell. Als sie jung war, erzählt sie, habe sie einen sehr schönen Teint gehabt. Sie war Sängerin, trat bei verschiedenen Feiern auf. Dort empfand sie ihre dunkle Haut als Nachteil. Im Mittelpunkt, sagt sie, standen stets die Frauen mit hellerer Haut. Auf dem Markt fielen ihr Bleichcremes ins Auge. Die Auswahl war riesig: „White Moon“, „Skin Light“, „Fair Light“, „White and lovely“. Manche Händler zogen blaue Kanister mit Chemikalien unter den Ständen hervor. Sie wurden je nach Bedarf beigemischt.

          Nachdem sie sich das erste Mal eingecremt hatte, musste sich Amina in ihrem Zimmer einschließen. Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte sie gegen ihre Schmerzen an. Eine halbe Stunde lang. Am nächsten Tag wiederholte sie die Prozedur. Nach zehn Tagen, sagt sie, erstrahlte ihre Haut. Die Komplimente häuften sich, Männer wurden auf sie aufmerksam. Amina erhöhte die Dosis. Nach einiger Zeit tauchten die ersten Flecken auf. Streifen überzogen Bauch und Brust. Sie erhöhte die Dosis. Irgendwann schwollen ihre Beine an und wurden krebsrot. Es bildeten sich Blasen voller Blut. Sie fing an zu zittern. Mit Schüttelfrost und hohem Fieber wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert. Amina dachte, sie habe Malaria.

          Fatimata Ly sagt, sie kenne viele solcher Krankheitsgeschichten. Nur spreche kaum jemand darüber. Das Thema sei mit großer Scham besetzt. Warum Frauen diese Tortur auf sich nehmen, ist schwer zu ergründen. Aisha Deme, Soziologin und Gründerin der Kulturplattform AgenDakar, spricht von einem latenten Minderwertigkeitskomplex, der bis in die Kolonialzeit zurückreiche. In den letzten Jahren werde den Frauen zudem das Schönheitsideal „je heller, desto besser“ von der Werbeindustrie eingehämmert. Mit Fatimata Ly hat sie eine Online-Petition auf den Weg gebracht, um Bleichcremes zu verbieten.

          Längst kein Unterschichtphänomen mehr

          Früher galt das Bleichen der Haut als Unterschichtphänomen. Seit hellhäutige afroamerikanische Stars als Vorbilder dienen und die Popsängerin Beyoncé dank Photoshop in Illustrierten kaum wiederzuerkennen ist, legt auch die ökonomische und intellektuelle Elite Wert auf helle Haut: Fernsehmoderatoren, Künstler, Minister und Models greifen zur Tube, in ganz Westafrika. Auch Männer folgen dem Trend. Gebleicht wird überall dort, wo Bleichcremes zu haben sind.

          Auch in Frankfurt am Main. In der Nähe des Hauptbahnhofs gibt es mehrere solcher Produkte zu kaufen. Sie stammen aus Holland, Frankreich, Italien, Deutschland, der Elfenbeinküste und Nigeria. So steht es auf den Verpackungen. Einige enthalten die Aufschrift „ohne Hydrochinon“. Seit 2001 sind Kosmetika mit Hydrochinon in Europa nicht mehr erlaubt. Hydrochinon steht unter begründetem Verdacht, krebserregend zu sein. Als Ersatzstoff wird Arbutin verwendet. Schon Anfang der neunziger Jahre meldeten Unilever und L’Oréal Patente auf die Benutzung von Arbutin als Hautbleichmittel an.

          Ziel ist vor allem der asiatische Markt. Der britisch-niederländische Konzern Unilever Hindustan produziert seit 1972 den Verkaufsschlager unter den Bleichcremes: „Fair and lovely“. Das Produkt ist noch im hinterletzten indischen Dorf zu haben und wird erfolgreich über 30 Länder exportiert. Unilever Hindustan benutze weder Hydrochinon noch Quecksilber in ihren Produkten, teilt ein Pressesprecher der F.A.S. mit. Zur Verwendung von Arbutin wollte sich der Konzern auf Nachfrage hin nicht äußern.

          Auch Beiersdorf mischt kräftig mit: 2007 brachte der deutsche Konzern ebenfalls in Indien eine Nivea-Bleichcreme für Männer auf den Markt, die schon ein Jahr später mit einem Marktanteil von 35,7 Prozent nach eigener Aussage zur „Nummer eins der Aufheller-Cremes in Indien“ aufstieg. Statt Arbutin verwendet der Konzern eine 95-prozentige Vitamin-C-Konzentration.

          Arbutin ist ein Hydrochinon-Klon. Chemiker halten den Unterschied für minimal. Arbutin sei eine Hydrochinon-Glukose-Verbindung. Seine Wirkung entfalte es erst, wenn der Körper das Arbutin in Hydrochinon umgewandelt habe, sagt Hans Lautenschläger, Chemiker und Kopf der Kosmetikfirma Dermaviduals. Wirkung und Nebenwirkungen seien so im Grunde gleich. Gemäß einer Studie des Scientific Committee on Consumer Safety der EU kann Arbutin durch hauteigene Enzyme in Hydrochinon umgewandelt werden; deshalb wird es von dem Verbraucherschutzgremium als bedenklich eingestuft. Aus dem gleichen Grund sprach sich die beratende Kosmetik-Kommission des Bundesamts für Risikobewertung 2008 gegen „alle Hautbleichmittel, die Hydrochinon freisetzen, inklusive Arbutin“ aus.

          Das Internet tut’s auch

          Das Bundesamt für Risikobewertung hat sich nun dieser Bewertung angeschlossen und die Verwendung von Arbutin in Kosmetika als gesundheitlich bedenklich eingestuft. Ein Grenzwert wurde in Deutschland bisher trotzdem nicht eingeführt. In der Schweiz ist Arbutin verboten. Wirken diese Cremes? „Na ja“, sagt eine Verkäuferin in Frankfurt, „sie wirken langsamer, weil sie niedriger dosiert sind“. Deshalb seien sie auch weniger gefährlich als die hydrochinonhaltigen Produkte, die oft unter der Ladentheke verkauft würden, sagt die Verkäuferin.

          Deren Wirkung sei wesentlich stärker. Die Nachfrage danach auch. „Die eine Hälfte der Frauen, die zu uns kommt, hat bereits verbrannte Haut. Die andere Hälfte fragt nach den richtigen, starken Cremes aus Afrika“, sagt sie. So landen immer wieder hochdosierte Hydrochinon-Cremes in europäischen Läden. Die Hersteller sind schwer zu ermitteln, Angaben zu Produktionsorten und Firmen lassen sich häufig nicht nachvollziehen. In Deutschland wurden 2009 nach Stichprobenuntersuchungen mehrere Bleichprodukte vom Markt genommen, die den verbotenen Wirkstoff enthielten.

          Produziert wurden sie in den Vereinigten Staaten, Frankreich, Großbritannien, der Elfenbeinküste und im Kongo. Erst im September dieses Jahres ließ das Bundesamt für Verbraucherschutz ein ähnliches Produkt verbieten. Wer die „richtigen“ Produkte kaufen will, muss aber gar keinen Laden suchen. Das Internet tut’s auch: Dort kann man Cremes mit bis zu dreißig Prozent Hydrochinon kaufen. Von amerikanischen (beautyofnewyork.com) über italienische Websites (guesso.com) bis hin zu Firmen, die ihren Sitz in der Elfenbeinküste haben (hcosmetiques.com) - überall wird offen mit Produkten geworben, die bis zu 10 Prozent Hydrochinon enthalten.

          Im Kleingedruckten hört sich das ganz anders an

          Wem das zu wenig ist, bestellt sich auf ioffer.com gleich den Reinstoff. Dort ist ein Pott Hydrochinon für 287 Dollar zu haben. Die Bleichmacher sind ein Riesengeschäft. Um sich dem lukrativen afrikanischen Markt nicht zu verschließen, produzieren viele europäische Firmen doppelt: einmal für den europäischen Markt, einmal für den afrikanischen. Hautfreundlichkeit und natürliche Inhaltsstoffe versprechen sie den einen, den anderen maximales „Weißsein“. Weil auch der Export von nichtzugelassenen Substanzen verboten ist, findet die Produktion im außereuropäischen Ausland statt.

          Allein in Italien sind an die fünfzig Firmen registriert, die Bleichcremes produzieren. Eine davon ist die Firma Aquimpex S.p.A. Auf ihrer Website flüstert eine blonde hellhäutige Frau ihrem dunkelhäutigen Gegenpart „das Geheimnis ihrer Schönheit“ ins Ohr. Man produziere hautfreundliche innovative Cremes einer neuen Generation, alles ohne Hydrochinon, steht auf der Homepage. Auf einer Unterseite hört sich das schon ganz anders an. Aquimpex halte sämtliche Rechte an der Marke „Mekako“ - und zwar unter anderem in Benin, Burkina Faso, Kamerun, Tschad, Kongo, Mali, Mauretanien, Niger, Senegal und Togo.

          Dort sind Mekako-Cremes allgegenwärtig, sie beinhalten Hydrochinon und Clobetasol. Diese Cremes werden von H-Cosmetiques in der Elfenbeinküste produziert, die „weichen Weißmacher“ für den hiesigen Markt dagegen in Italien. Auf eine Anfrage der F.A.S. reagierte Aquimpex nicht.

          „Black is Beautiful“

          Die ivorische Firma H-Cosmetiques produziert den Großteil westafrikanischer Verkaufsschlager - auch im Auftrag europäischer Firmen. So etwa die Produktlinie L’Abidjanaise, benannt nach der ivorischen Nationalhymne. Auch L’Abidjanaise ist in mehrfacher Ausführung zu haben. Optisch nahezu identisch, variieren nur Inhaltsstoffe und Produktionsorte. In Frankfurt am Main steht die europäische Version im Regal - produziert in Italien. In Senegal steht eine andere Variante auf den Verkaufstischen: „L’Abidjanaise“ mit Clobetasol und Hydrochinon.

          Produziert von H-Cosmetiques in der Elfenbeinküste für MN-Cosmetics. MN-Cosmetiques ist eine griechische Firma mit Hauptsitz in Athen. Im Hafen von Dakar laufen containerweise Weißmacher-Kosmetika ein. Sie werden hoch verzollt. Verboten ist ihre Einfuhr nicht. Fatimata Ly kämpft dafür, dass sich das ändert. „Diese Cremes dürfen nicht mehr ins Land gelassen werden“, sagt die Ärztin. Dafür müssten sie aber zunächst einmal als Medikamente eingestuft werden.

          Unterstützung findet Frau Ly bei einer Gruppe, die sich „Nioul Kukk“ - „Schön Schwarz“ - nennt. Sie hat ihren eigenen Weg gefunden, der Bleichcreme-Werbung die Stirn zu bieten. Sie setzen ein eigenes Plakat neben die „Ganz weiß“-Werbung. Darauf zu sehen ist eine Frau mit dunkler Haut, sie reckt ihr Kinn selbstbewusst nach oben. Darunter steht: „Black is Beautiful“.

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