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Bleichcremes : Schwarz und Weiß

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Hydrochinon kann durch die Haut aufgenommen werden, ins Blut gelangen und das Erbgut schädigen. Im schlimmsten Fall können Kinder mit Missbildungen zur Welt kommen. In Deutschland warnen Arzneimittelverbände auf Beipackzetteln deshalb schon vor der Verwendung von Medikamenten mit minimaler Tretinoin-Hydrochinon-Dosierung. Sie dürften nur kurz und lokal beschränkt eingesetzt werden - und in keinem Fall während der Schwangerschaft. Die Hersteller der Bleichcremes in Westafrika raten dazu, „sich morgens und abends am ganzen Körper großzügig mit der Creme einzureiben“, um den maximalen Effekt zu erhalten. Sicherheitshinweise gibt es selten. Die Angabe von Inhaltsstoffen fehlt meistens. Viele Frauen folgen dem Rat.

Die Haut wird nicht nur durch die Cremes malträtiert, sie verbrennt auch leichter unter der Sonne. Sie färbt sich rot und juckt. Zunächst lässt der dritte Wirkstoff, das Clobetasol, Rötungen verschwinden. Clobetasol ist ein starkes Kortison. Es gaukelt den Erfolg der bleichenden Creme vor. Doch auf lange Sicht laugt es die Haut aus; sie wird dünn und überempfindlich. Pilze und Bakterien können sich leichter ausbreiten. Es kommt zu Entzündungen.

Es bildeten sich Blasen voller Blut

Aminas Haut gleicht abgenutztem Leder. Stirn, Nase, Kinn, Wangenknochen - alle der Sonne ausgesetzten Körperstellen scheinen von einer dunklen, starren Schicht überzogen zu sein. Wenn sie spricht, bewegt sich nur ihr Mund. Ihre Augen glänzen hell. Als sie jung war, erzählt sie, habe sie einen sehr schönen Teint gehabt. Sie war Sängerin, trat bei verschiedenen Feiern auf. Dort empfand sie ihre dunkle Haut als Nachteil. Im Mittelpunkt, sagt sie, standen stets die Frauen mit hellerer Haut. Auf dem Markt fielen ihr Bleichcremes ins Auge. Die Auswahl war riesig: „White Moon“, „Skin Light“, „Fair Light“, „White and lovely“. Manche Händler zogen blaue Kanister mit Chemikalien unter den Ständen hervor. Sie wurden je nach Bedarf beigemischt.

Nachdem sie sich das erste Mal eingecremt hatte, musste sich Amina in ihrem Zimmer einschließen. Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte sie gegen ihre Schmerzen an. Eine halbe Stunde lang. Am nächsten Tag wiederholte sie die Prozedur. Nach zehn Tagen, sagt sie, erstrahlte ihre Haut. Die Komplimente häuften sich, Männer wurden auf sie aufmerksam. Amina erhöhte die Dosis. Nach einiger Zeit tauchten die ersten Flecken auf. Streifen überzogen Bauch und Brust. Sie erhöhte die Dosis. Irgendwann schwollen ihre Beine an und wurden krebsrot. Es bildeten sich Blasen voller Blut. Sie fing an zu zittern. Mit Schüttelfrost und hohem Fieber wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert. Amina dachte, sie habe Malaria.

Fatimata Ly sagt, sie kenne viele solcher Krankheitsgeschichten. Nur spreche kaum jemand darüber. Das Thema sei mit großer Scham besetzt. Warum Frauen diese Tortur auf sich nehmen, ist schwer zu ergründen. Aisha Deme, Soziologin und Gründerin der Kulturplattform AgenDakar, spricht von einem latenten Minderwertigkeitskomplex, der bis in die Kolonialzeit zurückreiche. In den letzten Jahren werde den Frauen zudem das Schönheitsideal „je heller, desto besser“ von der Werbeindustrie eingehämmert. Mit Fatimata Ly hat sie eine Online-Petition auf den Weg gebracht, um Bleichcremes zu verbieten.

Längst kein Unterschichtphänomen mehr

Früher galt das Bleichen der Haut als Unterschichtphänomen. Seit hellhäutige afroamerikanische Stars als Vorbilder dienen und die Popsängerin Beyoncé dank Photoshop in Illustrierten kaum wiederzuerkennen ist, legt auch die ökonomische und intellektuelle Elite Wert auf helle Haut: Fernsehmoderatoren, Künstler, Minister und Models greifen zur Tube, in ganz Westafrika. Auch Männer folgen dem Trend. Gebleicht wird überall dort, wo Bleichcremes zu haben sind.

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