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Fünf Jahre Arabellion : Der Geist der Revolution

„Zentrum des Salafismus in Tunesien“

„Wir haben dadurch drei Jahre verloren“, sagt Mahjoubi. Die Sicherheitskräfte seien mit sich selbst und ihrer Neuorganisation beschäftigt gewesen, die Grenzen nach Algerien und Libyen wurden weniger kontrolliert. Dass in Sidi Bouzid heute an jeder Ecke libysches Schmuggelbenzin aus Kanistern verkauft wird, sieht Mahjoubi noch als geringeres Übel an. „Sorgen bereiten uns heute der Geld- und der Waffentransfer.“ Zudem habe es zwischen 2011 und 2013 noch weniger Arbeit und Produktion als früher gegeben, weil in Sidi Bouzid Baustellen und Betriebe geplündert und besetzt wurden. Vor allem hatte die erste frei gewählte Regierung 2011 eine Generalamnestie für alle politischen Gefangenen erlassen. Bei ihnen handelte es sich vor allem um Islamisten und Salafisten.

„Sidi Bouzid ist das Zentrum des Salafismus in Tunesien“, sagt ein Menschenrechtsanwalt aus der Stadt, der anonym bleiben will. „Und ihr Chef lebt hier sogar in Freiheit.“ Scheich al Khatib al Idrissi ist einer der Vordenker für Salafisten in der ganzen Region. Er stammt aus Sidi Bouzid und wohnt heute vierzig Autominuten südwestlich von der Kreisstadt in Ben Aoun. Idrissi gilt als ideologischer Wegbereiter der Terrorgruppe Ansar ash Sharia in Tunesien, die für die Anschläge auf Touristen in Sousse verantwortlich sein soll, gibt aber vor, einen gewaltfreien „theoretischen Ansatz des Salafismus“ zu vertreten, wie der Anwalt erklärt. Neun Jahre lang lebte Idrissi in Saudi-Arabien, bis er Mitte der neunziger Jahre nach Tunesien zurückkehrte. Unter Ben Ali saß er für wenige Jahre im Gefängnis.

Idrissis Haus steht an einem Sandweg in einem engen Wohngebiet von Ben Aoun, einem heruntergekommenen Kaff am Rande des Djebel-Massivs. Direkt an sein Haus hat er eine Moschee bauen lassen. Sie soll vor allem von Jugendlichen besucht werden. Drei von ihnen schütten Sand auf der Freifläche neben dem Gebetshaus auf. Ein Interview lehnt der 62 Jahre alte blinde Idrissi ab. Stattdessen tritt sein 30 Jahre alter Sohn Usama al Idrissi vor die Tür. Er trägt ein einfaches braunes Gewand, der schwarze Kinn- und Backenbart lässt Aknenarben frei. Er drückt Besuchern lange die Hand und murmelt dabei Begrüßungsformeln auf Arabisch. Was hält er vom Vorgehen der Dschihadisten in den Bergen? „Sie machen gerade einen großen Fehler in der Art und Weise, wie sie den Staat bekämpfen.“ Sollte man mit ihnen in den Dialog treten oder sie bekämpfen? „Den Dialog hatten wir lange, jetzt ist es dafür zu spät, der Kampf ist da.“ Dann dreht sich Usama al Idrissi um und verschwindet im Haus seines Vaters.

Wie soll man mit den Idrissis umgehen? Gouverneur Mahjoubi verdreht die Augen. Er stellt eine Gegenfrage: Wenn ein blinder, rheumatischer und alter Mann im Gefängnis sterbe, für wie viele Menschen werde so einer dann wohl zum Märtyrer?

Wenn man die Hauptstraße von Sidi Bouzid nicht nach Ben Aoun, sondern in die andere Richtung fährt, dann zweigt nach zwanzig Kilometern ein Schotterweg zum Dorf Sidi Salah ab. Hier befindet sich das Grab von Muhammad Bouazizi, dem Obsthändler, mit dem die Revolution in Sidi Bouzid begann. Es befindet sich am Rande des Dorfes, neben der einräumigen Grundschule, die Bouazizi einst besuchte. „Hier liegt der Märtyrer Muhammad Bouazizi“ steht auf dem Grabstein. Es ist ein schlichtes, geweißtes Grab, nach Mekka hin ausgerichtet. Die auf das Grab eingelassenen Schalen sind nicht mehr mit Wasser gefüllt. Seine Familie kann sich nicht mehr kümmern. Mutter und Schwester haben Asyl in Kanada erhalten. Sie leben jetzt in Montreal.

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