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Fünf Jahre Arabellion : Der Geist der Revolution

In Sidi Bouzid leben 60.000 Menschen mitten im fruchtbaren zentraltunesischen Hochland, abgeschnitten von Hauptverkehrswegen und vier Autostunden südlich der wohlhabenderen Küstenregion. Es gibt in der Stadt ein einfaches Hotel, kein Kino, kein Theater und erst seit drei Monaten wieder eine Bar, in der Alkohol ausgeschenkt wird. Es ist die einzige. Vor knapp zwei Jahren war in der Stadt eine Horde Salafisten von Kneipe zu Kneipe gezogen und hatte Flaschen und die Inneneinrichtung zertrümmert. Dann zogen die Bärtigen zum Getränkegrossisten am Stadtrand. Sie brannten ihm drei Lastwagen nieder. Seitdem zahlt der Grossist ein Schutzgeld, darf dafür aber weiter Alkohol verkaufen: In einem schwach beleuchteten Hof mit einer offenen Garage in einer Ecke, der durch zwei Tore angefahren werden kann. Eine Flasche tunesisches Celtia-Bier kostet zwei Dinar, Whisky ist für 85 Dinar (38 Euro) zu haben.

„Ich werde mich dafür einsetzen, dass hier Kneipen wieder öffnen können“, sagt der Gouverneur der Stadt und der Provinz Sidi Bouzid, Mourad Mahjoubi. Er sitzt in der Sofaecke in seinem Büro, das eher einem mit Teppichen ausgelegten Saal gleicht, den verschiebbare Holzwände in einen Arbeits-, Empfangs- und Kontemplationsbereich unterteilen. Hierher war Muhammad Bouazizi nicht vorgelassen worden. Gouverneur Mourad Mahjoubi will dazu nichts sagen. Er ist erst seit vier Monaten im Amt und wurde aus Tunis direkt hierher versetzt. Für die fliegenden Händler in der Stadt lässt Mahjoubi jetzt einen überdachten Markt mit festen Ständen für insgesamt 1500 Verkäufer bauen. Die örtliche Gewerkschaft rechnet mit 2500 Händlern in Sidi Bouzid. „Damit werde ich das Problem natürlich nicht grundsätzlich lösen“, sagt Gouverneur Majoubi. „Wenn der Markt voll ist, dann steht bald ohnehin die nächste Generation fliegender Händler auf der Straße.“

3000 Tunesier in den Dschihad nach Syrien gezogen

Was Sidi Bouzid brauche, seien Strukturreformen und private Investitionen, denn viel habe sich hier in der Tat noch nicht verändert. Die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 21 Prozent. Der örtliche Chef der Gewerkschaft UGTT schätzt sie auf dreißig Prozent, wobei sie unter Jugendlichen noch einmal höher liegen soll. „Zu uns führt keine richtige Überlandstraße, wir haben eine schwache Wasserversorgung, und die neue Gasleitung wird frühestens 2019 fertig“, sagt Mahjoubi. Unter Ben Ali wurde das Hinterland komplett vernachlässigt. Das rächt sich jetzt mehrfach.

Denn über allem schwebt auch hier mittlerweile die Bedrohung durch den islamistischen Terror. Mitte November enthaupteten Terroristen im Bergmassiv hinter der Stadt einen Schäfer, der sich geweigert hatte, ihnen eines seiner Schafe zu übergeben. Seinem zwölf Jahre alten Bruder gaben die Dschihadisten eine Plastiktüte mit dem Kopf des Getöteten und befahlen ihm, sie den Eltern abzuliefern. Vielleicht auch als Warnung, sie nicht zu verraten.

Bild: F.A.Z.

„Die Dschihadisten leben hier in kleinen Gruppen von zehn bis fünfzehn Männern in den Bergen“, sagt Gouverneur Mahjoubi. „In der Mehrzahl stammen sie aus Tunesien, aber die Anführer sind Algerier, Marokkaner und manchmal auch Saudis.“ Wie viele es insgesamt seien, will er nicht sagen. Er sagt auch nichts Genaueres über die Maßnahmen, die der Staat gegen die radikalen Kämpfer ergreift. „Klar ist nur, dass wir zu wenig Soldaten und zu wenig Mittel haben“, sagt Mahjoubi. Offizielle Schätzungen gehen zudem von insgesamt 3000 Tunesiern aus, die nach Syrien in den Dschihad gezogen sind, andere Beobachter von weit mehr. Wie viele von denen wieder zurückgekehrt sind, ist unklar. „Viele Eltern haben Angst vor Repressionen und erzählen uns deshalb nicht, wenn ein Sohn nach Syrien gegangen ist“, sagt Mahjoubi. Er nennt den schlechten Bildungsstand, die Arbeitslosigkeit und auch die Aussichtslosigkeit, bald eine Familie zu gründen, als Ursachen für das Erstarken von Salafismus und Terrorismus. Doch der Zündfunken für dieses explosive Gemisch sei die Zeit unmittelbar nach der Revolution gewesen.

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