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Beschneidung : Grausame Mutprobe in den Bergen

  • -Aktualisiert am

Dann hat Rijken die Internetseite www.ulwaluko.co.za ins Leben gerufen und Fotos von fürchterlichen Verletzungen veröffentlicht. Zweimal haben die Chiefs versucht, diese Seite von der nationalen Zensusbehörde sperren zu lassen. Zweimal sind sie mit ihrem Antrag abgeblitzt, weil die Zensur befand, das Fotomaterial habe durchaus erzieherische Wirkung. Also wurde der Niederländer so lange bedroht, bis er aus Pondoland verschwand. Heute arbeitet Rijken in Malawi. Und Patrick Dakwa ist völlig auf sich gestellt. Er sagt: „Ich frage mich jeden Tag, ob meine Arbeit irgendetwas bewirkt. Meistens ist die Antwort negativ.“

Dabei sind die Toten von Pondoland längst ein nationales Thema in Südafrika. Jedes Jahr im Juli, wenn die Ulwaluko-Saison im Eastern Cape sich ihrem Ende zuneigt, sind die Zeitungen voll mit Geschichten über Tote und Verstümmelte. Und jedes Jahr droht die Provinzregierung im Eastern Cape, die „Initiation Schools“, die „Initiations-Schulen“, zu schließen, sollte das Sterben weitergehen. Doch es passiert schon deshalb nichts, weil die Chiefs einfach zu mächtig sind. Sie sind es, die ihren Untergebenen alle vier Jahre sagen, an welcher Stelle auf dem Wahlzettel sie ihr Kreuz zu machen haben. Die ohnehin angeschlagene Regierungspartei „African National Congress“, der ANC, kann sich Streit mit diesen Männern einfach nicht leisten.

Über Todesfälle will der Chief partout nicht reden

Mit Männern wie Chief Mwelo Nonkonyana, dem Vorsitzenden der Chiefs von Flagstaff. Er ist ein Mann mit vielen Talenten, der vorzugsweise im Maßanzug auftritt. Mit seinem gepflegten grauen Bart wirkt er eher wie ein Manager denn wie der Gralshüter der Xhosa-Riten. Nonkonyana sitzt für den ANC im Parlament und ist nebenher Vorsitzender eines „Transformationsausschusses“, der den völlig korrupten südafrikanischen Fußballverband wieder auf gesunde Beine stellen soll. Mit Nonkonyana lässt sich amüsant über Fußball plaudern und trefflich über Politik streiten. Nur über die Todesfälle beim Ulwaluko will der Chief partout nicht reden. „Das ist unsere Kultur“, sagt er, „das geht euch nichts an.“

Doch das vermeintliche Kulturgut Ulwaluko ist längst zu einem blutigen Geschäft geworden, in dem sich Scharlatane tummeln – junge Männer wie „Steve“, der natürlich nicht wirklich so heißt. Steve ist 22 Jahre alt, seine eigene Initiation liegt gerade ein Jahr zurück. Steve kann weder lesen noch schreiben, die komplexe Geschichte der Xhosa-Königreiche ist ihm fremd, und dass er etwas von Medizin versteht, behauptet nicht mal er selbst. Trotzdem ist er vom Rat der Chiefs zum Ingcibi berufen worden. Dafür muss er dem Rat einen Teil seines Verdienstes abführen. Steve gehört zu der Art Verbrecher, die als Verbandszeug schon mal in Streifen geschnittene Plastiktüten benutzen. Ein schlechtes Gewissen plagt ihn nicht. „Mann, das ist ein Job, und davon gibt es hier nicht viele“, sagt er. Seine Fahne ist selbst aus einem Meter Entfernung deutlich zu riechen.

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