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Beschneidung : Grausame Mutprobe in den Bergen

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„Wenn du dich drückst, bist du bei uns ein Geächteter“, sagt Asanda. 350 Rand, rund 25 Euro, kosten die Dienste des Beschneiders pro Person. Das ist viel Geld in Südafrika. Die Familie bekam Mengenrabatt, und die drei Brüder gerieten an einen Ingcibi, der in der Saison bis zu 200 Beschneidungen in der Woche vornimmt, ohne zwischendurch ein einziges Mal sein Messer zu sterilisieren. Dass seine beiden Brüder ohne Komplikationen davonkamen, machte Asanda vollends zum Außenseiter. „Ich bin jetzt der Krüppel, der immer mit meinen gesunden Brüdern verglichen wird“, sagt er.

Außer der Tradition ist ihnen nicht viel geblieben

Pondoland ist das Hinterland der sogenannten Wild Coast, an der Orte mit so schönen Namen wie Coffee Bay um Touristen werben. Die Wild Coast lockt mit Tradition und Ursprünglichkeit. Doch wie sich beides jenseits der Hochglanzprospekte darstellt, ist im Hinterhof der Küste zu sehen, in Ortschaften wie Flagstaff. Es ist eine ebenso malerische wie bitterarme Region, geprägt von Hügeln und gespickt mit Streusiedlungen, die häufig nicht einmal einen Namen haben, geschweige denn auf einer Landkarte verzeichnet sind. Das Leben hier ist hart, und so sind auch die Menschen. Wenn einer Arbeit hat, dann meist 900 Kilometer entfernt in den Bergwerken von Rustenburg. In Pondoland selbst betreiben die Verbliebenen ein wenig Viehzucht und warten ansonsten auf den monatlichen Scheck des Sozialamtes. Außer der Tradition ist ihnen nicht viel geblieben, und so halten sie stur an archaischen Ritualen fest. Es gibt ihnen die trügerische Gewissheit, nach wie vor Herr über das eigene Schicksal zu sein.

Auch das erfuhr Asanda am eigenen Leib, als er seine Amputation und deren Hintergründe öffentlich anprangerte. Das war bei einem Treffen der traditionellen Chiefs, die in Gegenden wie Pondoland die höchste Autorität darstellen, noch vor Regierung oder Polizei. Die Chiefs wollten Asanda schon deshalb nicht zuhören, weil sie mit den traditionellen Beschneidungen Geld verdienen. Er wurde zuerst ausgelacht, dann auf dem Nachhauseweg von vier Typen fast totgeschlagen. „Du hast die Chiefs beleidigt“, machten sie ihm zwischen den Schlägen und Tritten klar, „und du hast unser Volk verleumdet.“

Dakwa interessiert sich als Einziger für das Schicksal der Amputierten

Patrick Dakwa ist ein Sozialarbeiter aus Flagstaff. Er sagt: „Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen: Wer sich den Chiefs widersetzt, bekommt Ärger.“ Dakwa ist nicht gerade wohlgelitten in Pondoland, weil er sich im wahrsten Sinne des Wortes als Einziger für das Schicksal der Amputierten interessiert. Dass Dakwa obendrein mit dem niederländischen Arzt Dingeman Rijken zusammengearbeitet hat, macht ihn vollends suspekt. Denn Rijken ist ein rotes Tuch für die Chiefs und das Gesundheitsministerium der Provinzregierung. Der Mediziner hat in Pondoland unzählige Amputationen vorgenommen und die Verstümmelungen öffentlich gemacht. Er hat ein Handbuch für eine medizinisch einwandfreie Beschneidung verfasst und in Umlauf gebracht. Daraufhin beschuldigten ihn die Chiefs, das Volk der Pondo zu beleidigen, weil er ein männliches Geschlechtsteil im Detail beschreibt.

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