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An der Seite von Nelson Mandela : Im doppelten Boden das Papier

Heute ein Wallfahrtsort: Die Zelle, in der Mandela auf Robben Island einsaß Bild: Ullstein

Ahmed Kathrada führt Besucher über Robben Island, die Insel, auf der er 18 Jahre inhaftiert war – an der Seite Nelson Mandelas, dessen Autobiographie er im Verborgenen förderte.

          Von Kapstadt dauert die Fahrt mit der Fähre eine halbe Stunde. Achtmal täglich verkehrt sie, 250 Rand kostet ein Ticket, gut 17 Euro. Der kleine alte Mann steht am Schalter, kauft einen Fahrschein. Fünf Fahrten kriegt er jedes Jahr umsonst, aber die sind schon lange verbraucht. Der alte Mann trägt billige schwarze Turnschuhe, eine abgetragene Anzughose und ein weites blauweiß gemustertes Hemd. Wahrscheinlich ist es aus China. „Wie die Hemden von Mandela“, sagt er. „Auch wenn ihr damals immer alle dachtet, das sei irgendwas traditionell Afrikanisches.“ Geschäftig geht er voran zum Anleger, treibt zu Eile: „Die Fähre wartet nicht.“ Der alte Mann steigt über die Reling. Er ist noch gut zu Fuß, nur bei den Treppen wird es schwierig. Gerade will er sich in die letzte Reihe der Passagierkabine setzen, da stellt sich ein großer dürrer Schwarzer vorsichtig dazwischen. Ungläubig schaut er auf den alten Mann, die Augen voller Rührung. „Mister Kathrada“, sagt er leise. Mit seinen beiden Händen umfasst er die zögernd ausgestreckte Rechte des alten Mannes. „Was für eine Ehre.“ Dann macht er Fotos mit seinem Mobiltelefon.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Ahmed Kathradas schüttere weiße Haare lassen sein sonnengebräuntes Gesicht dunkler erscheinen. Das Gesicht war trotzdem stets hell genug, damit er im Gefängnis lange Hosen tragen durfte. Kathrada musste keine kurzen anziehen wie die schwarzen Freiheitskämpfer, die auf Robben Island nur „Boys“ genannt wurden, auch wenn es sich um vierzig Jahre alte Familienväter handelte. Häftlinge wie der elf Jahre ältere Nelson Mandela waren mehr als Freunde, sagt Ahmed Kathrada, den sie auf der Insel „Kathy“ nannten. Kathrada bekam vom ersten Hafttag an Brot – Mandela wurde dies zehn Jahre lang verwehrt.

          Sieben der Angeklagten des berühmten Rivonia-Prozesses von 1964 wurden für fast zwei Jahrzehnte nach Robben Island verbannt. Ahmed Kathrada ist neben Andrew Mlangeni nun der letzte Überlebende dieser Gruppe. Die anderen sind tot: Govan Mbeki, Raymond Mhlaba, Elias Motsoaledi, Walter Sisulu, Nelson Mandela. „Madiba war mein älterer Bruder“, sagt Kathrada, der Mandela das erste Mal traf, als er noch zur Schule ging. „Er behandelte mich gleichwertig, so wie alle anderen sein ganzes Leben lang.“ Seit er Jugendlicher war, war Kathrada Mitglied im ANC und in der Kommunistischen Partei. 1964 wurden Kathrada, Mandela, Sisulu und sieben andere Freiheitskämpfer verschiedener Hautfarbe zu lebenslanger Haft bei harter Arbeit verurteilt. Die sieben „nicht weißen“ Angeklagten wurden auf die Gefangeneninsel Robben Island verbannt.

          Der Generalschlüssel: Kathrada auf Robben Island

          Der Starkult um Mandela hat die Insel berühmt gemacht. Aber es waren auch andere, die dort Jahrzehnte ihres Lebens opferten. Ihr Einfluss auf Südafrika war nicht viel kleiner als der Mandelas. Kathrada, der jüngste der Verurteilten, ist der Mann, der ihre Geschichte nun weitererzählt. Er sagt, er werde es machen, so lange es geht. Als Mandela Präsident wurde, bat er Kathrada, der Fremdenführer für die Staatsgäste zu sein.

          Seit nun 17 Jahren führt Kathrada nun Staatsführer, Prominente und solche, die es werden wollen, durch sein früheres Gefängnis. Kathrada sagt, Ideologie spiele bei der Auswahl der Gäste keine Rolle. „Auch Margaret Thatcher habe ich geführt – Thatcher, die uns immer als Terroristen bezeichnet hat.“ Kathrada bezeichnet sich bis heute als Sozialisten. „Und als Thatcher dann hier war, sagte sie, sie sei für uns gewesen – ich habe mir auf die Zunge gebissen.“ Palästinenserführer Jassir Arafat führte Kathrada ebenso herum wie israelische Generäle, Fidel Castro ebenso wie Bill Clinton. Vor wenigen Monaten war Barack Obama mit Familie da, zuletzt die Schauspielerin Katie Holmes. Was wollen die eigentlich wissen? „Vor allem fragen sie mich, was die anderen gefragt haben“, sagt Kathrada. „Alle fragen das Gleiche. Aber sie hören gut zu.“ Mitte Dezember sollte der kasachische Machthaber Nursultan Nasarbajew kommen, aber er sagte ab. Das mache ihn dann doch froh, sagt Kathrada. Es ist Sommer in Südafrika. Den Rest des Monats würde Kathrada gern frei haben.

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