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An der Seite von Nelson Mandela : Im doppelten Boden das Papier

Kathrada versteckte die Skripte der Mandela-Biografie

Im Oktober 1989 wurde Kathrada freigelassen, wenige Monate früher als Mandela. „Inder kriegen überall auf der Welt einen Rabatt“, sagt Kathrada. Aber Mandela hatte natürlich schon aus der Haft heraus mit den Führern des Apartheidregimes verhandelt, das nicht mehr zu halten war. Nach der Befreiung Südafrikas wurde Kathrada erst ANC-Sprecher, dann 1994 ins Parlament gewählt, dem er eine Legislaturperiode lang angehörte. Gleichzeitig war er parlamentarischer Berater von Präsident Mandela.

Kathrada sagt, er bereue eigentlich nichts. Dem Kommunismus schwor er angesichts der Entwicklungen in Osteuropa schon in den fünfziger Jahren ab. Nur eine Sache hätte er gern anders gemacht: „Dass ich mich als Abgeordneter zur Wahl gestellt habe, war ein Fehler.“ Es gebe nichts Schlimmeres als diesen Beruf. „Ständig muss man lesen, und zwar ausschließlich langweilige Texte.“ Gesetze, Gesetzesvorlagen,Sitzungsprotokolle – nichts gegen die Literatur, die er so liebe. Im Gefängnis studierte Kathrada Bibliothekswissenschaft, Kriminologie und Geschichte, Fächer, für die man sich mit vielen Büchern versorgen durfte, die ansonsten kaum zugelassen waren. Kathradas Familie zahlte die Studiengebühren. Andere Häftlinge hatten diese Möglichkeit nicht.

1974 fing Mandela an, heimlich seine Autobiographie zu schreiben, auch auf Vorschlag Kathradas hin. Mandela schrieb, die anderen Häftlinge redigierten. „Oft übernahm ich ihre Anregungen“, schreibt Mandela in seinem Buch. Das Papier versteckte Kathrada unter einem doppelten Boden seines Holztischs. Teile des Manuskripts wurden nach Großbritannien geschmuggelt. Veröffentlicht wurden diese frühen Versionen nie.

„Ich habe meinen älteren Bruder verloren“

Die Hoffnung habe auf Robben Island niemand von ihnen verloren, sagt Kathrada. „Wir wussten, wir würden gewinnen.“ Viel schlimmer sei es gewesen, zwei Jahrzehnte lang kein Kind zu berühren, zu sehen oder auch nur zu hören. „Das war das Furchtbarste“, sagt Kathrada. Er hat keine Kinder. Die Haftzeit verbrachte er ohne eine Frau, die auf ihn wartete. Heute ist Barbara Hogan immer in seiner Nähe.

Kathrada geht zurück aufs Schiff. Wieder setzt er sich in die letzte Reihe. Plötzlich stürzt eine Mitarbeiterin des Museums auf die Fähre, ruft „Mister K, Mister K, Mister K!“ Kathrada hat aus Versehen den Generalschlüssel mitgenommen. Hektisch wühlt der alte Mann in der Tasche und wird dabei von einem kleinen Lachanfall geschüttelt. Eigentlich ist er die ganze Zeit über zu Späßen aufgelegt. Auch auf der Fahrt zurück will er nicht über die heutige Politik sprechen, auch nicht über Präsident Jacob Zuma. „Über Zuma rede ich nicht. Individuen kommen und gehen.“ Kathrada schweigt viele Sekunden. Dann sagt er: „Nur so viel: Ich hätte Angst, wenn sich das politische System hier ändert.“

Wenige Tage später ist Mandela tot. „Ich habe meinen älteren Bruder verloren“, schreibt Kathrada am Wochenende. „Ich fühle mich beraubt und allein. An wen wende ich mich jetzt für Trost und Rat?“

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