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An der Seite von Nelson Mandela : Im doppelten Boden das Papier

Zelle an Zelle mit Mandela

Meistens ist die Fähre nach Robben Island voll. Kathrada fährt hier längst nicht mehr in die Vergangenheit. Alles sei mittlerweile Routine, sagt er. Die Passagiere werden am Anleger auf Robben Island auf die bereitstehenden Busse verteilt. Fast alle Touristen sind weiß. Auf Kathradas kleine Gruppe wartet ein Kleinbus. Kathrada geht in den Zellentrakt des Hochsicherheitsbereichs, in den „B-Sektor“, wo die prominentesten Gefangenen isoliert waren. Kathrada hat einen Generalschlüssel ausgeliehen. Seine Zelle trägt die Nummer 468/64 und liegt drei Meter schräg gegenüber der, in der Mandela einsaß. Kathrada schließt die Zellen auf wie ein Hausmeister. 18 Jahre verbrachte er auf Robben Island, immer in derselben Zelle. Die Wärter waren alle weiß.

Nach der Aufgabe des Gefängnisses wurde die triste graue Wandfarbe überstrichen. Heute sind die Wände weiß und hellgrün, vollkommen anders als früher. Die Unesco ernannte Robben Island 1999 zum Weltkulturerbe. Seitdem darf hier nichts mehr verändert werden. Deshalb bleibt die unpassende Farbe. Kathradas winzige Zelle ist leer, wie die der anderen. Nur in Mandelas Zelle haben sie ein paar grobe Decken gelegt, einen kleinen Tisch hineingestellt und einen Metalleimer mit Deckel, für die Notdurft. Im Juli verharrte hier Barack Obama, alleine, sinnierend und lange genug, um das ikonenhafte Foto zu ermöglichen.

1997 wurde Robben Island zum Museum. Ahmed Kathrada hatte daran entscheidenden Anteil, er gründete eine Stiftung, die das Erbe der kleinen Insel bewahren soll.

Auch Indischstämmige wie Kathrada wurden inhaftiert

Kathrada erzählt mit sanfter Stimme, sein Englisch hat indischen Einschlag, auch wenn er Gujarati, die Sprache seiner Eltern, längst verlernt hat und stattdessen fließend Afrikaans spricht. Kathradas Familie stammt aus Indien, nach der Rassenlogik des Apartheidregimes war sie damit auf einer minderwertigen Zwischenstufe zwischen Weiß und Schwarz. Als Schüler von 17 Jahren trat Kathrada dem South African Indian Congress bei, der gegen die Diskriminierung der Indischstämmigen kämpfte und eng mit dem African National Congress verbunden war. 1953 wurde Kathrada eine Leitungsfunktion im ANC-Jugendflügel übertragen, da war er schon mehrfach zusammen mit Mandela und anderen nach Protestaktionen verhaftet worden. Drei Jahre nachdem der ANC 1960 für illegal erklärt worden war, ging Kathrada in den Untergrund. Nur wenige Monate später wurde er im Hauptquartier des bewaffneten ANC-Arms „Umkhonto we Sizwe“ nahe Johannesburg verhaftet und in Pretoria angeklagt.

Dem ANC gehörten lange nicht nur Schwarze an, sondern auch viele „Indischstämmige“ wie Kathrada und auch einige prominente Weiße wie die Aktivistin Barbara Hogan, die von 1982 bis 1990 im Gefängnis saß und schon wenige Tage nach ihrer Freilassung Kathradas Lebenspartnerin wurde. Bis 2009 war Barbara Hogan Gesundheitsministerin Südafrikas, anschließend ein Jahr lang Ministerin für öffentliche Unternehmen. Sie wird Kathrada später am Anleger abholen.

An diesem Tag brennt die Sonne. Meistens aber sei es hier windig und kalt gewesen, sagt Kathrada. Es habe oft geregnet. „Das Gefängnis hat mich fit gemacht“, sagt Kathrada, und man weiß nicht, ob er das ironisch meint oder nicht. Von 1964 bis 1982 war er hier inhaftiert, zu lebenslanger Haft und harter Arbeit verurteilt. Sie mussten im Steinbruch schuften, Steine zerkleinern. Doch gefoltert wurde auf Robben Island nicht. Dazu waren die Gefangenen zu prominent. „Gefängnis ist kein Picknick, aber hier waren wir sicher. Draußen wurden unsere Kameraden erschossen, ermordet und gefoltert.“

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