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Entführte Mädchen in Nigeria : Amnesty wirft Behörden Versagen vor

  • Aktualisiert am

Appell, die entführten Mädchen sicher nach Hause zu bringen. Bild: AP

Fast 300 Schülerinnen sind in Nigeria entführt worden. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International wirft den Behörden des Landes schwere Versäumnisse vor. Dafür gebe es Beweise.

          Im Fall der mehr als 300 entführten Schülerinnen in Nigeria wirft die Menschenrechtsorganisation Amnesty International den Behörden vor, eine Warnung der radikalislamischen Gruppierung Boko Haram ignoriert zu haben. Es gebe „ausreichend Beweise“ dafür, dass „die nigerianischen Sicherheitskräfte es versäumten, auf Warnungen von Boko Haram zu reagieren“, teilte Amnesty am Freitag mit. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Entführungen.

          Nach Amnesty-Angaben erhielt das Militär vier Stunden vor dem Überfall auf eine Schule in der Stadt Chibok im nordöstlichen Bundesstaat Borno eine entsprechende Warnung. Der zuständige Kommandeur sei aber nicht in der Lage gewesen, ausreichend Soldaten für einen Einsatz in der Stadt zu rekrutieren, berichtete die Menschenrechtsorganisation.

          Amnestys Afrikadirektor Netsanet Belay sprach von einem „groben Verstoß Nigerias gegen seine Pflicht zum Schutz von Zivilisten“. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums wies die Anschuldigungen zurück. „Der Bericht ist nur eine Ansammlung von Gerüchten“, sagte er der Nachrichtenagentur AFP.

          Boko-Haram-Kämpfer hatten die Schule am 14. April überfallen und 273 Mädchen verschleppt. Einigen Schülerinnen gelang die Flucht. Am Sonntag entführte die Gruppe elf weitere Mädchen. 223 Schülerinnen werden weiter vermisst. In einem Video kündigte Sektenführer Abubakar Mohammed Shekau die Versklavung und Zwangsverheiratung der Schülerinnen an.

          UN-Sicherheitsrat verurteilt die Tat

          Die Vereinten Nationen schickten ihren Repräsentanten in Westafrika, Said Djinnit, nach Nigeria. Die 15 Mitglieder des UN-Sicherheitsrats verurteilten die Tat am Freitag „auf das Schärfste“. Die Entführungen könnten ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen, hieß es in der einstimmig verabschiedeten Erklärung. Eine mögliche Befassung des Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag mit dem Verbrechen wurde darin nicht erwähnt. Eine Sprecherin des Tribunals hatte zuvor erklärt, die Entführungen fielen möglicherweise in die Zuständigkeit des IStGH.

          Die nigerianische Regierung war unter starken internationalen Druck geraten, weil sie nur zögerlich auf die Entführung reagiert hatte. Erst nach einer weltweiten Mobilisierung und wütenden Protesten der Familien erklärte Präsident Goodluck Jonathan am Freitag den „totalen Einsatz“ seines Landes bei der Suche nach den Mädchen.

          Das Verteidigungsministerium gab am Freitag an, die Sicherheitskräfte seien nun rund um die Uhr im Einsatz. Die Luftwaffe habe bereits mehr als 250 Suchflüge absolviert, sagte ein Sprecher. Zwei Armeeeinheiten seien im Norden an den Grenzen zum Niger, zum Tschad und zu Kamerun im Einsatz.

          An der Suche sollen sich auch Militärexperten aus Amerika und Großbritannien beteiligen. Amerikas Außenamtssprecherin Jen Psaki sagte am Freitag, dass sieben Militärangehörige des Regionalkommandos für Afrika (AFRICOM) sowie ein Experte des Außenministeriums vor Ort seien. Am Samstag sollen zudem weitere Kräfte in Abuja eintreffen.

          Michelle Obamas Appell

          Amerikas First Lady Michelle Obama will am Samstag in der wöchentlichen Radioansprache des Präsidenten anstelle ihres Mannes Barack Obama sprechen und das Schicksal der entführten Schulmädchen thematisieren. Einen Tag vor Muttertag werde Michelle Obama die Gelegenheit ergreifen, um die „Wut und den Schmerz“ des Präsidentenpaars über die Entführung zum Ausdruck zu bringen, sagte Obamas Vizesprecher Eric Schultz.

          Das britische Außenministerium schickte Diplomaten und Spezialisten des Verteidigungsministeriums nach Abuja. Das Team werde sich auch für „langfristige Anti-Terror-Lösungen einsetzen, um derartige Angriffe zu verhindern und Boko Haram zu besiegen“.

          Die Witwe des verstorbenen südafrikanischen Nationalhelden Nelson Mandela, Graça Machel, appellierte an die Behörden in Nigeria sowie die internationale Gemeinschaft, die Suche nach den Mädchen zu verstärken. Die Bundesregierung zeigte sich „entsetzt über das Ausmaß des Terrors durch die Terrororganisation Boko Haram, der Nigeria derzeit heimsucht“.

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