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Al Shabaab : Terroristen in Jeans und Cowboystiefeln

  • -Aktualisiert am

Quartiermeisterin von al Shabaab? Samantha Lewthwaite auf einem von Interpol veröffentlichten Bild Bild: dpa

Die radikale Miliz al Shabaab rekrutiert junge Dschihadisten aus dem Westen. Mehrere sollen an dem Anschlag in Nairobi beteiligt gewesen sein.

          Die Attentäter trugen Jeans, modische T-Shirts und einer von ihnen Cowboystiefel. Sie sprachen Englisch mit amerikanischem Akzent, Pidgin-Swahili und Arabisch. Sie erkundigten sich, ob die Personen am anderen Ende ihrer Gewehrläufe gute Muslime seien oder Ungläubige. Die Muslime durften gehen, die anderen wurden hingerichtet. Als die kenianische Armee versuchte, das Einkaufszentrum von Westgate zu stürmen, wurde sie mit Salven aus einem schweren Maschinengewehr empfangen – einer Waffe, die so klobig ist, dass sie nur von zwei Mann bedient werden kann. Die Kenianer provozierten wilde Feuergefechte in der Hoffnung, dass den Terroristen die Munition ausginge. Doch die hatten vorgesorgt und vor dem Angriff sowohl Munition als auch weitere Waffen im Einkaufszentrum versteckt. Fünf Tage dauerte die Schlacht, und als die Armee am vergangenen Mittwoch endlich die Oberhand gewann, waren drei der vier Stockwerke des Einkaufszentrums eingestürzt – wie viele Menschen neben den bislang gezählten 67 Opfern darunter begraben liegen, steht noch nicht fest.

          Der Terrorangriff auf das Einkaufszentrum in Nairobi war der blutigste Anschlag in Kenia seit dem Bombenangriff auf die amerikanische Botschaft 1998, bei dem mehr als 200 Menschen ums Leben kamen. Der war allerdings von Al-Qaida-Mitgliedern verübt worden, von denen man weiß, wie sorgfältig sie ihr blutiges Handwerk zu planen pflegen. Zu dem Anschlag in Nairobi aber bekannte sich die radikal-islamische Miliz al Shabaab („Jugend“) aus Somalia, die bislang durch alles Mögliche aufgefallen ist, nicht aber durch strategisches Denken. Vor allem: Die Steinzeitislamisten von al Shabaab gelten als mehr oder weniger besiegt, seit die Eingreiftruppe der Afrikanischen Union für Somalia, Amisom, sie vor zwei Jahren aus Mogadischu und im vergangenen Jahr aus der Küstenstadt Kismayo vertreiben konnte. Über deren Hafen hatten die Bärtigen ihren schwunghaften Handel mit Holzkohle und Vieh abgewickelt. Inzwischen kontrolliert die Miliz nicht einmal mehr die Hälfte des ursprünglich von ihr besetzten Gebietes. Amerikanische Geheimdienstler erzählen gerne und ausführlich von den abgehörten Gesprächen, in denen sich die ausländischen Dschihadisten über die vielen Reifenpannen auf den schlechten Straßen beschweren, das miese Essen und die Giftschlangen. Von dem bevorstehenden Angriff auf das Westgate Shopping Centre durch mutmaßlich genau diese ausländischen Dschihadisten aber hatte die größte Station des Auslandsgeheimdienstes CIA auf dem Kontinent, die in Nairobi, nichts mitbekommen. Womit sich die Frage stellt, wie wirksam die weltweite Datenschnüffelei der Amerikaner tatsächlich ist.

          Ob und wie viele Amerikaner und Briten an dem Angriff beteiligt waren, ist eine Woche nach dem Massaker immer noch nicht klar. Die kenianische Außenministerin Amina Mohamed sprach von „zwei oder drei Amerikanern aus Minnesota und einer Frau aus Großbritannien, die so etwas schon oft gemacht hat“. Die kenianische Regierung will das nicht bestätigen, erwirkte bei Interpol aber einen Haftbefehl gegen die 29 Jahre alte Britin Samantha Lewthwaite, die Witwe von Germaine Lindsay, der sich im Juni 2005 in der Londoner U-Bahn in die Luft sprengte und 26 Menschen mit in den Tod riss. Ob die dreifache Mutter Lewthwaite tatsächlich direkt an dem Anschlag in Nairobi beteiligt war, ist inzwischen strittig. Die Kenianer verdächtigen sie vielmehr, so etwas wie die Quartiermeisterin von al Shabaab im Ausland zu sein. Für einen vereitelten Bombenanschlag auf mehrere Hotels in der Küstenstadt Mombasa soll sie den Sprengstoff besorgt haben. In Südafrika, wo sie unter Benutzung einer falschen Identität einen Pass beantragte und erhielt, soll sie mehrere Wohnungen gemietet haben, die mutmaßlich als Durchgangslager für junge Somalier dienten, die am Kap für den Krieg in Somalia rekrutiert worden waren. In einem inzwischen geschlossenen Twitter-Konto von al Shabaab hieß es noch vor sechs Monaten: „Sherafiyah Lewthwaite aka Samantha ist eine mutige Frau. Wir sind stolz, sie in unseren Reihen zu haben.“

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