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Migranten in Afrika : Fernschmerz

Wie rollende Berge schwanken die schweren Lastwagen zum Ortsausgang: Migranten in Agadez auf dem Weg in die Sahara Bild: Jochen Stahnke

Die Migration durch die Staaten Afrikas bis hin nach Europa ist ein ausgeklügeltes Geschäft, mit dem viele an den Reisenden verdienen. Eine Spurensuche in Niger.

          Modu Barri sagt, er kenne achtzig Leute in Europa. Und vier, die es nicht dorthin geschafft haben. Einer starb in der Sahara, drei ertranken im Mittelmeer. „Ich habe keine Angst, ich kann gut schwimmen, ich bin stark“, sagt er. Seit vier Tagen schläft Barri auf dem Betonfußboden des Busbahnhofs von Niamey, der Hauptstadt Nigers. Sein Bruder hat ihm endlich das Geld für die nächste Etappe überwiesen. Heute Nacht geht die Reise weiter.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Um vier Uhr morgens geht der Bus an den Rand der Sahara, so wie jeden Tag. Die meisten Passagiere übernachten vor der Abfahrt im Busbahnhof. Einige haben Bastmatten dabei, andere eine der dünnen Matratzen aus braunem Kunstleder ergattert, die das Busunternehmen entlang der Betonmauer ausgelegt hat. Neonröhrenfunzeln an den Ecken werfen lange Menschenschatten. Am Fahrkartenschalter sitzt ein Araber und nennt den Preis: 19.000 Francs-CFA, knapp 30 Euro, bis nach Agadez an den Rand der Sahara. Er schätzt, dass in jedem Bus 15 bis 20 Migranten mitfahren, die von dort aus weiter nach Libyen wollen. Wer früh reserviert, bekommt einen Sitzplatz vorn, nicht unbedeutend bei 17 Stunden Fahrt über vorwiegend unbefestigte Straßen. Rimbo Transport Voyageurs gilt als bester Anbieter Nigers. Die dunkelblauen Mercedes-Busse sind klimatisiert. Rimbo gehört einer Familie von Arabern und Tuareg, so wie jedes Busunternehmen und jede Tankstelle zwischen Niger und Libyen.

          Eine häufig genutzte Migrationsroute nach Italien

          Was Modu Barri besitzt, hat er an: eine fleckige Jeans, nur halb über das Hinterteil gezogen, darunter eine grün-schwarz gemusterte Unterhose, ein orangefarbenes T-Shirt, eine goldsilbern glänzende Schirmmütze und Flip-Flops. Drei Zettel Papier hat er auch dabei. Auf zweien stehen handgeschriebene Telefonnummern. Der andere ist ein Auszahlungsbeleg der Geldtransferfirma Western Union über 40.000 Francs-CFA. Das reicht für das Busticket. Wenn Barri Glück hat, reicht es auch für die Bestechungsgelder an den vier Kontrollpunkten, die die nigrische Polizei zwischen Niamey und Agadez unterhält.

          Er kennt die gängigen Preise genau, denn vor ihm hat sich bereits sein halbes Dorf auf den Weg gemacht: „In Bessi leben fast nur noch Frauen und Alte.“ Man sehe im Dorf neue Fernseher, neue Dächer. Zwei Jahre sparte die Familie für Barris Reise. Er sagt, er habe sie darum gebeten. Die Mutter habe beim Abschied geweint. „Nach ein paar Jahren werde ich zurückkommen.“ Das habe er ihr versprochen.

          Was Modu Barri besitzt, trägt er am Körper.

          Modu Barri spricht kein Französisch, nur wenig Englisch und weiß auch über sein Ziel, Deutschland, nicht viel mehr, als dass die Hauptstadt seines Traumlandes München heißt. „In Gambia haben wir keine Ausbildung, keine Jobs, kein Geld - aber in Deutschland kriegt jeder ein Haus“, sagt Modu Barri. Genauere Informationen hat er darüber, an welcher Etappe was zu tun ist. Von Gambia über Mali und Burkina Faso bis nach Niamey hat er es schon geschafft. An jeder Etappe holt er sich neues Geld, um im Falle eines Raubes nicht gleich alles zu verlieren. In Mali und Burkina habe er je vier Kontrollpunkte passiert und immer 5000 Francs-CFA bezahlt, an der Grenze zu Niger noch mal 10.000, sagt Barri. Eigentlich halten sich Bürger mit Ausweisen von Staaten der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas auch ohne Visum und Reisepass drei Monate lang vollkommen legal in einem der Mitgliedsländer auf. Doch der Polizei geht es nur um Geld. „Ich habe gezahlt, und sie haben mich nicht geschlagen, aber viele andere“, sagt Barri.

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