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Flüchtlinge : Nach Norden

Über 10.000 Immigranten haben dieses Jahr Griechenland über den Seeweg erreicht. Knapp 8.000 mehr, als im gleichen Zeitraum 2014 Bild: dpa

Das Bevölkerungswachstum in Afrika ist groß – Europa wirkt da wie ein Magnet. Doch auch wenn die schlimmsten Brandherde eingedämmt werden, an dem Wohlstandsgefälle ändert sich so schnell nichts.

          Vom früheren schwedischen Außenminister Carl Bildt stammt das Wort, Europa sei nicht von Freunden umgeben, sondern, frei nach Johnny Cash, von einem „Ring of Fire“. Dieser „Ring“, der in Wahrheit ja ein Gürtel ist, reicht vom Kriegsschauplatz in Osteuropa über Aufruhr, Mord und Terror im Nahen und Mittleren Osten bis zum „gescheiterten Staat“ Libyen – und hört dort noch lange nicht auf. Die jüngsten Flüchtlingskatastrophen, die Teil einer größeren, vielleicht sogar epischen Völkerwanderung sind, lenken das Augenmerk auf Staaten, in denen es in der Tat lichterloh brennt oder in denen es keine funktionierende staatliche Ordnung mehr gibt, so dass Banden jedweder Couleur ungestört ihr Unwesen treiben können: Syrien ist das traurige Beispiel für den einen, Libyen für den anderen Zustand.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Deswegen ist die Forderung unmittelbar einleuchtend, das Problem von Flucht und Wanderung an der Wurzel zu packen, in den Herkunfts- und Transitländern, und zwar politisch, ökonomisch, sozial und vielleicht sogar polizeilich-militärisch. Die Frage ist allerdings, ob nicht die Dimension dieser Aufgabe überwältigend ist und Bemühungen, Flüchtlinge aus Seenot zu retten, zwar moralisch geboten sind, aber natürlich nicht die Antwort sein können.

          Selbst wenn die schlimmsten Brandherde eingedämmt werden können und dafür sollten die europäischen Staaten tun, was ihnen möglich ist so ändert doch das an einer Sache nichts oder nur wenig: an dem großen Wohlstandsgefälle zwischen dem europäischen Norden und dem afrikanischen Süden. Fachleute sprechen von Push-Faktoren, welche Menschen veranlassen, ihre Heimat zu verlassen, und solchen, die sie anziehen und dazu bringen, trotz der Gefahren der „Reise“ ihr Glück anderswo zu suchen.

          Zu diesen Push-Faktoren gehören, kurz gesagt, Armut, Elend, Unterdrückung, Verfolgung und eben kriegerische Konflikte; zu den Anziehungsfaktoren gehören die Aussicht auf Wohlstand, Versorgung, auf ein menschenwürdiges Auskommen, klassisch: auf eine bessere Zukunft. Diese Kombination von Wanderungsmotiven, von Push und Pull, treibt sowohl die legale als auch die illegale Einwanderung in die Vereinigten Staaten an, sie gilt im Prinzip und künftig vielleicht noch mehr auch im Verhältnis von Europa zu Afrika. Wenn da nicht das Mittelmeer wäre!

          Europa: Wo die Landschaften schon blühen

          Die Dynamik des Bevölkerungswachstums in Afrika ist enorm; es gibt keine Weltregion, die demographisch schneller wächst als, per Saldo, der afrikanische Kontinent. Das Land mit der vielleicht größten Wachstumsdynamik ist Nigeria, dessen Bevölkerung Mitte des Jahrhunderts auf knapp vierhundert Millionen geschätzt wird; und bis zum Ende des Jahrhunderts soll sich diese Zahl noch einmal mehr als verdoppeln. 2050 soll Nigeria nach der Bevölkerung das fünftgrößte Land der Welt sein.

          Schnell wächst auch die Bevölkerung in Tansania, in Kongo, Uganda, Kenia und in Äthiopien. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Nach Schätzungen der UN werden in 35 Jahren sechs afrikanische Länder unter den Top 20 in der Kategorie Bevölkerungsgröße sein. Gegen Prognosen über die Bevölkerungsentwicklung lässt sich vieles einwenden, zumal dann, wenn sie langfristig angelegt sind. Es können immer demographisch relevante Ereignisse auftreten; man denke nur an Ebola. Aber das entkräftet nicht den säkularen demographischen Trend in Afrika; er ist eindeutig!

          Man muss nicht, wie Thilo Sarrazin, die große Völkerwanderungsapokalypse an die Wand malen. Aber dass sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten viele junge Afrikaner auf den Weg nach Europa machen dürften – ob legal oder illegal –, das sagt schon der schlichte Menschenverstand. Der soziale und wirtschaftliche Druck in den Heimatländern, verstärkt durch und verbunden mit anderen Konfliktfaktoren, ist zu groß. Deswegen müssen die potentiellen Zielländer ein Interesse haben, dass die afrikanischen Staaten eine Entwicklung nehmen, die ihren Bevölkerungen auf breiterer Basis ein Auskommen ermöglicht.

          Damit ist nicht „alte“ Entwicklungshilfe gemeint, sondern wirtschaftliche Dynamik. Viele afrikanische Länder weisen schon heute ein beachtliches Wirtschaftswachstum auf. Aber das reicht offenkundig nicht, und vor allem ist das, was man unter „guter Regierungsführung“ versteht, oft mangelhaft. Aber selbst wenn vernünftige politische Strukturen mit breiter wirtschaftlicher Entwicklung zusammenkommen, wird es sehr viele junge Afrikaner geben, die es dorthin zieht, wo aus ihrer Sicht die Landschaften schon blühen: nach Europa.

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