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Äthiopien am Abgrund : Mit jedem Toten wächst der Zorn

  • -Aktualisiert am

Demonstranten in Addis Abeba Bild: Reuters

Der Widerstand gegen das äthiopische Regime wächst. In Teilen des Landes schwelt bereits ein Bürgerkrieg. Das Land droht zum Einfallstor für radikal-islamistische Terroristen zu werden.

          Addis Abeba, im August. Ermias Shale hat einen neuen Helden. Der heißt Feyisa Lilesa und gewann beim olympischen Marathonlauf in Rio de Janeiro die Silbermedaille für Äthiopien. Doch statt zu jubeln beim Zieleinlauf, verschränkte Feyisa beide Arme über dem Kopf und wiederholte diese Geste bei der Siegerehrung. Die gekreuzten Arme, das ist das Erkennungszeichen des Widerstandes in der äthiopischen Region Oromo, ein Zeichen gegen Willkür, Gewalt, Korruption, Misswirtschaft und Arroganz. „Das war richtig bitter für das Regime“, feixt Ermias, der natürlich nicht so heißt, der aber nur unter einem Pseudonym bereit ist, Auskunft über den schwelenden Bürgerkrieg in Oromia zu geben.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Oromia ist die bevölkerungsreichste Region der Bundesrepublik Äthiopien. Seit November vergangenen Jahres kündigt sich dort eine Rebellion an. Mehrere hundert Menschen kamen seither ums Leben, weil die äthiopischen Sicherheitskräfte mit großer Brutalität gegen die Demonstranten vorgehen. Doch mit jedem Toten wächst der Zorn der Oromo. Die Protestbewegung ist längst zur größten politischen Krise für Ministerpräsident Hailemariam Desalegn und die seit 1991 regierende Koalition der Revolutionären Demokratischen Front der äthiopischen Völker (EPRDF) geworden. Inzwischen hat die Protestwelle auch die Provinz Amhara ergriffen, und die Repression dort ist genauso brutal wie in Oromia. Dabei stellen die Oromo und die Amharen 60 Prozent der äthiopischen Bevölkerung. Angesichts des Ausmaßes der Proteste sprechen Oppositionelle bereits von einer „äthiopischen Intifada“.

          Die Gründe für die Unzufriedenheit in Oromia sind so alt wie das moderne Äthiopien. Oromia ist die fruchtbarste Region des Landes, sie beherbergt die Hauptstadt Addis Abeba, und trotzdem haben die Oromo immer das Gefühl, marginalisiert zu werden. Insbesondere die Volksgruppe der Tigray, die innerhalb der EPRDF alle Schlüsselpositionen besetzt halten, gelten den Oromo als Kolonialisten, seit unter ihrer Führung die Militärdiktatur von Mengistu Haile Mariam 1991 gestürzt wurde.

          Die Ereignisse des 12. November 2015 waren folglich nicht der Beginn eines Aufstandes, sondern nur dessen vorläufiger Höhepunkt. Für die geplante Erweiterung der Hauptstadt Addis Abeba hatte die Regierung entschieden, Teile eines von den Oromo als heilig verehrten Waldes, den Chilimogaji Forest, zu Bauland zu erklären. Den Zuschlag bekam ein Investor aus Tigray. Die Menschen in der nahe liegenden Stadt Ginchi stiegen umgehend auf die Barrikaden.

          Es ging dabei weniger um den Wald als um das Prinzip: Seit die äthiopische Volkswirtschaft mit Raten von zehn Prozent pro Jahr und mehr wächst, ist Grund und Boden zu einem heißbegehrten Spekulationsobjekt geworden. Zwangsumsiedlungen sind an der Tagesordnung, wenn es darum geht, Platz für eine chinesische Fabrikhalle, eine niederländische Blumenzucht oder einen indischen Agrarkonzern zu schaffen. Oder eben um einen Apartmentkomplex, wie im Fall des Investors aus Tigray.

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