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Ägypten : Zweiter Versuch

Nicht nur den Ägyptern wäre zu wünschen, wenn sie ihren zweiten Versuch mit der Demokratie auf eine stabilere, breitere Basis stellten. In der Region wird das Experiment genau verfolgt.

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          Nach der Absetzung des ägyptischen Präsidenten Mursi durch das Militär und der Einsetzung einer Übergangsregierung stellen sich viele Fragen. Eine gilt der Zukunft der Muslimbruderschaft, also des politischen Islams. Ob dessen radikale Anhänger den Weg der Gewalt beschreiten werden, nachdem das Militär ihrem politischen Machterwerb ein Ende gemacht hatte, und ob es möglicherweise wieder Verhältnisse geben wird wie in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, wird über das Gelingen des zweiten demokratischen Versuchs mitentscheiden. Mursis Anhänger werden sich nicht einfach in ihr Schicksal fügen. Sie fühlen sich betrogen - und können sich dabei auf internationale Instanzen berufen: Die Afrikanische Union hat Ägypten ausgeschlossen.

          Eine andere Frage wird in der Nachbarschaft gestellt: Was bedeuten die Ereignisse in Ägypten für das regionale Gleichgewicht, für die Herrscher am Golf oder für den Aufstand in Syrien? Dabei lassen sich überraschende oder auch gar nicht so überraschende Übereinstimmungen feststellen: Der syrische Diktator Assad wird vom Sturz der Islamisten in Kairo, die sich offen gegen sein Regime gestellt hatten, ebenso erfreut sein wie Saudi-Arabien, das zwar auch den Sturz Assads betreibt, aber der Muslimbruderschaft religiös-ideologisch zutiefst misstraut. Im Stillen dürfte auch Israel erleichtert sein, das zwar im Alltag mit Mursi einigermaßen zurecht kam, ihm aber nicht vertraute. Umgekehrt verliert die Hamas, der palästinensische Ableger der Muslimbrüder, einen wichtigen Patron. Die schärfste Kritik nach dem Putsch kam aus der Türkei; das ist ein deutliches Zeichen dafür, wie nervös die Regierung Erdogan im Moment ist und, vor allem, wie wenig die Türkei tatsächlich ein Modell für die arabische Welt ist.

          Diese Welt wurde vor gut zweieinhalb Jahren von einem Frühlingssturm der Zeitenwende erfasst. Diktatoren und Autokraten wurden hinweggefegt. Doch dann ging der Frühling in den Winter des Islamismus über, oder es folgten Bürgerkrieg und Konterrevolution. Heute scheinen die Apologeten autoritärer Herrschaftsformen wieder Oberwasser zu bekommen; die Erleichterung in China ist offenkundig. Es wäre nicht nur den Ägyptern zu wünschen, wenn sie ihren zweiten Versuch mit der Demokratie auf eine stabilere, breitere Basis stellten. In der Region wird das Experiment genau verfolgt, Manipulationsversuche eingeschlossen.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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