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Ägypten : Sie wollen einfach nur, dass es aufhört

Wohin mit dem Hass? Ein Jugendlicher will Polizisten angreifen, die einen Muslimbruder abführen. Er wird gebremst. Bild: AP

In Ägypten herrschen Anarchie, Blutvergießen und Hass. Längst protestieren nicht mehr nur Anhänger der Islamisten. Es gehen auch Leute auf die Straße, die schockiert sind über die Massaker.

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          „Sind wir in einem Krieg“, ruft der Mann, „dass die ihre Waffen auf mich richten müssen?“ Dann rückt er wütend sein verschmiertes graues Gewand zurecht, als würde das noch einen Unterschied machen in dem Chaos. Er schüttelt resigniert den Kopf, rauft sich die Haare, schaut gen Himmel. Der Mann ist der Hausmeister der Al-Emam-Moschee in Nasser City, einer von mehreren Moscheen in Ägypten, die zu Lazaretten und Leichenhallen geworden sind. Hier wurde nicht gebetet, als die Ägypter am Freitag an einem weiteren „Tag der Wut“ eine neue traurige Episode ihrer Geschichte produzierten. Die Teppiche waren noch durchtränkt von Blut und dem Wasser der geschmolzenen Eisblöcke, mit denen sie die Leichname behelfsmäßig gekühlt hatten.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Es waren die Toten des Blutbads vom „Schwarzen Mittwoch“, an dem die beiden Protestlager der Anhänger des gestürzten Präsidenten Muhammad Mursi geräumt wurden, von denen eines in der Nähe der Al-Emam-Moschee lag. Immer mehr Tote wurden in das Gebetshaus gebracht. „Erst war es nur ein Leichnam, und dann hörte es gar nicht mehr auf“, sagt der Hausmeister, und um ihn herum raunen die Leute, die Zeit friedlicher Demonstrationen sei endgültig vorbei. Am Donnerstag seien Sondereinheiten der Polizei in die Moschee gekommen, hätten die Trauernden brutal vertrieben und auch die Toten in ihre Gewalt gebracht. Der Fahrer eines Leichenwagens sagt, Polizisten hätten Leichname verschwinden lassen, um zu vertuschen, dass es Tausende Todesopfer gegeben habe. Er ist nicht der einzige, der das behauptet.

          Kurz nach den Freitagsgebeten zählten Reporter in einem anderen Gebetshaus Dutzende weitere Tote. Dieses Mal war es die Al-Fateh-Moschee nahe dem Ramses-Platz im Herzen von Kairo. Die von den Muslimbrüdern dominierte sogenannte Allianz gegen den Putsch hatte ihre Anhänger aufgerufen, sich nach den Gebeten auf dem Platz zu versammeln. Es dauerte nicht lange, bis Schüsse krachten, Salven aus automatischen Waffen abgefeuert wurden. Später stand ein Bürohochhaus in Flammen.

          Längst protestieren nicht mehr nur Anhänger der Islamisten. Auf die Straße gehen auch Leute, die schockiert sind über die Massaker, welche die Sicherheitskräfte an den Mursi-Anhängern angerichtet haben. Sie fürchten eine Militärherrschaft. Niemand hat Zweifel daran, dass Armeechef Abd al Fatah al Sisi der eigentliche ägyptische Staatschef ist. Während die Generäle ihre Macht festigen, sich Militärs wieder Gouverneursposten sichern, sind die moderaten Bedenkenträger auf dem Rückzug. Friedensnobelpreisträger Mohamed El Baradei ist nach dem Blutbad des „Schwarzen Mittwochs“ als stellvertretender Präsident zurückgetreten. Er habe die Armee vergeblich gewarnt: „Gewalt erzeugt Gegengewalt, denkt an meine Worte - die einzigen, die profitieren, sind die Extremisten“, habe er gesagt. Er, El Baradei, wolle nicht für einen einzigen weiteren Tropfen Blut, der vergossen wird, verantwortlich sein. Jetzt wird er als Verräter diffamiert. Auf einer Karikatur, die in der ägyptischen Presse veröffentlicht wurde, rammt er hämisch lächelnd seinem eigenen Land in Frauengestalt einen Dolch in den Rücken.

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