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Ägypten : Zurück in bleiernen Zeiten

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Virtuell ist die Hoffnung: Safwan Muhammad mit seinem Ipad Bild: Katharina Eglau

Vier Jahre liegt der Beginn des Aufstands gegen Husni Mubarak zurück. Es folgten ein Intermezzo der Muslimbrüder und ein Putsch des Militärs. Doch die Aktivisten von damals geben nicht auf. Ein Besuch in der Revolutionshochburg Alexandria.

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          Fröstelnd reibt sich Safwan Muhammad die Hände und rückt näher an seine Partnerin heran. Kalt weht der Wind durch die zersprungene Scheibe des Cafés Cilantro an Alexandrias Mittelmeerküste, in das sich viele Pärchen nachmittags gerne zurückziehen. Grund zum Kuscheln gibt es dieser Tage genug: Die heftigen Winterstürme haben das Glas der breiten Fensterfront zerschlagen. Gegenüber der immer wieder von hohen Wellen überfluteten Uferpromenade ducken sich ein paar Gestalten gegen die Mauern der berühmten Bibliotheca Alexandrina. Auch dem jungen Aktivisten mit der heißen Tasse in der Hand setzt der ägyptische Winter zu, selbst wenn er sich davon nichts anmerken lassen will.

          Alexandria war vor vier Jahren eine der Hochburgen der Revolution gegen Husni Mubarak. Hunderttausende hatten sich in den Monaten zuvor auf der Internetplattform Facebook zusammengefunden, um gegen die Tötung des jungen Bloggers Khaled Said zu protestieren, den Polizisten in einem Internetcafé der Hafenstadt im Juni 2010 zu Tode geprügelt hatten. „Wir sind alle Khaled Said!“ war der erste Schlachtruf der anonymen Facebook-Revolutionäre, ehe der Protest im Januar 2011 auf die Straßen Ägyptens übergriff.

          Safwan Muhammad gehörte zu den Führern des Aufstands. Mit 80.000 Stimmen verpasste er kurze Zeit später nur knapp den Einzug ins erste frei gewählte Parlament. Ohne bekannte Köpfe hatte die Bewegung zuvor das nahezu Unmögliche geschafft und das über Jahrzehnte herrschende Regime gestürzt. Der 32 Jahre alte Aktivist war da schon ein Veteran der politischen Szene: Drei Jahre bevor der Wind des Wandels über den Tahrir-Platz in Kairo und die Corniche der Küstenmetropole wehte, hatte er mit Gleichgesinnten begonnen, die Grundlagen für ein neues Ägypten zu legen.

          Sein Held war damals Mohamed El Baradei, der ägyptische Friedensnobelpreisträger, der nach der Ermordung des Bloggers Khaled Said eine Demonstration gegen Polizeigewalt in Alexandria anführte – schon ein halbes Jahr vor Revolutionsbeginn. Aber auch für andere Regimegegner setzte sich der Oppositionsführer aus dem fernen Wien ein: Auf dem Display seines iPads zeigt Muhammad einen Tweet, den der damalige Generalsekretär der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) versandte, als er 2009 wegen unerlaubter politischer Tätigkeiten festgenommen wurde. „An meinen Sohn Safwan Muhammad“ schrieb El Baradei auf dem Kurzmitteilungsdienst. Er versprach „im Namen des ägyptischen Volkes“, dass „das inhumane System unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart“ sein möge, „niemals aber unsere Zukunft“.

          Ideale des Aufstands auf dem Tahrir-Platz verraten

          Es war eine Hoffnung, die sich im Januar 2011 endlich zu erfüllen schien. Achtzehn Tage lang begehrten Millionen auf den Straßen gegen Mubaraks Polizeistaat auf. Für Muhammad wie Tausende andere junge Liberale war El Baradei der natürliche Kandidat für die Nachfolge des autoritären Herrschers. Doch daraus wurde nichts. Stattdessen sitzt zum vierten Jahrestag des Revolutionsbeginns an diesem Sonntag mit Abd al Fattah al Sisi abermals ein General im Präsidentenpalast. Und der bourgeoise Karrierediplomat El Baradei reiht sich ein in die lange Liste derer, die in den Augen der Aktivisten die Ideale des Aufstands verraten haben.

          „El Baradei ist der Revolution in den Rücken gefallen“, sagt Mohammed. Ein „Verrat“ und darüber hinaus völlig naiv sei es gewesen, sich mit dem Hohen Militärrat (Scaf) zu verbünden. Muhammads eigenes politisches Engagement hat ihn bereits zwei Jobs gekostet: Sowohl bei der Zeitung „Al Shuruq“ als auch bei einer Solarenergiefirma wurde er entlassen, weil die Chefs keinen Regimekritiker am Arbeitsplatz dulden wollten. Nur noch privat kann er sich mit seinen Mitstreitern aus Revolutionstagen treffen, weil in den bekannten Szenetreffs ein paar Straßen entfernt Geheimdienstmitarbeiter jedes Gespräch belauschen. „Wer nicht im Gefängnis sitzt oder im Grab liegt, ist vom Regime zum Herumsitzen verdammt“, sagt Muhammad ernüchtert. Bleierne Zeiten.

          El Baradei hingegen hat seine Schäfchen ins Trockene gebracht. Einen letzten Ausflug in die Niederungen der ägyptischen Tagespolitik beendete er im Sommer 2013 mit dem Rücktritt: Nach dem Massaker an Hunderten Anhängern der Muslimbruderschaft in Kairo legte er seinen Posten als stellvertretender Präsident nieder. Seitdem hat man von dem einstigen Hoffnungsträger nichts mehr gehört.

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