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Ägypten : Feind ist, wer nicht für Sisi ist

Übergang? Innenminister Muhammad Ibrahim, Sisi und Mansur am Montag Bild: REUTERS

In Ägypten wird der Ton immer schriller - gegenüber den Muslimbrüdern, aber auch gegenüber westlichen Ländern und Medien. Schon gibt es Übergriffe.

          Am Donnerstag voriger Woche stapfte ein untersetzter Mann durch die Trümmer des Protestlagers nahe der Rabaa-al-Adawiyya-Moschee. Er wurde nicht gerne angesprochen. „Mit Deutschen rede ich kein Wort“, zeterte er, drehte sich abrupt um und entfernte sich schnellen Schrittes. Warum? „Das müssen Sie Angela Merkel fragen!“

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Unfreundlichkeit und Misstrauen sind noch die geringsten Probleme, mit denen westliche Journalisten konfrontiert sind, die über das Geschehen in Ägypten berichten. Mehrere Reporter, unter ihnen sowohl Ägypter als auch Ausländer, wurden getötet oder schwer verletzt als sie über die jüngsten Gewaltorgien berichteten. Wie viele bedroht, verprügelt oder bestohlen wurden, ist kaum zu sagen. Matt Bradley, Reporter der Zeitung „Wall Street Journal“, der sich vor einem Mob in einen Schützenpanzer der Armee flüchten musste, sagte dem englischen Dienst des Senders Al Dschazira, es habe den Anschein, als gebe es eine koordinierte Kampagne. Inzwischen fragen manche Leute auf der Straße nach einem Presseausweis, bevor sie mit Ausländern sprechen.

          Der Grundton in Ägypten ist dieser Tage schrill und nationalistisch. Als wären sie gleichgeschaltet, verbreiten die ägyptischen Medien die Erzählung vom Kampf der neuen Führung gegen ein terroristisches Komplott. Sie huldigen dem neuen starken Mann, Armeechef Abd al Fattah al Sisi. „Ganz Ägypten ist al Sisi“, titelte unlängst die eigentlich unabhängige Zeitung „Saut al Umma“. Beunruhigender ist der Umkehrschluss: Wer nicht für Sisi ist, ist nicht mehr Ägypter. Und wer nicht Ägypter ist, und nicht Sisi, ist der Feind.

          Die vom Militär eingesetzte Übergangsregierung hat sich auf die Vertreter der ausländischen Presse eingeschossen, denn dort wird die Gewalt gegen die Muslimbrüder (deren Botschaften nicht weniger verbohrt und einseitig sind) noch scharf kritisiert.  Die Führung hat sich auch in scharfem Ton gegen die Kritik der westlichen Regierungen gestellt und deutlich gemacht, dass sie trotzdem an ihrem harten Kurs gegenüber den Islamisten festhalten werde. Der Zustimmung der Presse kann sie sich sicher sein. Als sich Mustafa Hegazy, ein Berater von Übergangspräsident Adli Mansur, am Wochenende vor die Presse stellte, wurde er von den ägyptischen Journalisten eher mit kritischen Fragen in dem Sinne konfrontiert, warum die Regierung so nachgiebig auf die Einmischungen und Untaten aus dem Westen reagiere. Auch Hegazy ließ es sich nicht nehmen, öffentlich noch einmal seine „Bitterkeit“ über die einseitige Berichterstattung westlicher Medien zum Ausdruck zu bringen, welche die Verbrechen der Muslimbruderschaft und die Morde an den ägyptischen Sicherheitskräften unter den Teppich kehrten.

          Die schablonenhaften Slogans von Muhammad Nabawy sind ein gutes Beispiel für den patriotischen Widerwillen, mit dem viele Ägypter in diesen Tagen westlichen Ausländern gegenübertreten. Auf die Frage nach dem Blutbad, das die Sicherheitskräfte bei der Räumung der Protestlager und den folgenden Protesten anrichteten, sagt er: „Der Westen glaubt, das seien friedliche Proteste – dann sollen sie doch die friedlichen Proteste bei euch im Westen abhalten.“ Oder, etwas abwegiger: „Wenn der Westen die Muslimbrüder so liebt, wenn er will, dass sie hier in Ägypten die Scharia einführen, dann soll er doch im Westen die Scharia einführen.“ Und: „Wir sind im Krieg“. Eigentlich solle der Westen die Ägypter doch dabei unterstützen. Immer wieder, als wäre das eine Erklärung für alles, sagt Nabawy diesen Satz: „Wir sind im Krieg“.

          Muhammad Nabawy ist keiner der Geheimdienstmitarbeiter des alten Mubarak-Regimes, die wieder nach den Schalthebeln der Macht greifen, er stammt auch nicht aus dem Kreis der pensionierten Offiziere des Sicherheitsestablishments, die sich als Zeitungskommentatoren exponieren. Er spricht für die Basisbewegung „Tamarrod“ (Rebellion), die mit ihrer Unterschriftenkampagne der Armee den Weg bereitet hatte, Präsident Muhammad Mursi unter dem Jubel der Opposition abzusetzen. Nabawy ist einer aus der Facebook-Jugend, die den Aufstand gegen Husni Mubarak angezettelt hat. Tammarod hat sich nun neue Ziele gesetzt: Die Bewegung macht sich dafür stark, dass Kairo die amerikanische Militärhilfe ablehnt. Sie will auch eine neue Unterschriftenkampagne starten: zur Aufkündigung des Friedensvertrags mit Israel. „Amerika zahlt derzeit für einen großen Nutzen einen sehr geringen Preis“, sagt Nabawy.

          Er bestreitet, dass die Kampagne gegen Mursi auf die Netzwerke der Staatssicherheit der Mubarak-Jahre zurückgreifen konnte. Er versichert auch, dass Tammarod sofort auf die Straße gehen werde, sollte es eine neue Militärherrschaft geben. „Wir werden nicht zulassen, dass auf ein faschistisches Regime ein neues faschistisches Regime folgt“, sagt er. Seine Bewegung wolle einen modernen zivilen Staat, Armeechef Sisi sei ein „ehrenwerter Mann“.

          Die Bilder von der Rede des Generals vor anderen hohen Militärs dominierten am Sonntagabend das Staatsfernsehen. Es war der erste Auftritt des Armeechefs seit der Räumung der Protestlager in der vergangenen Woche. Sisi sprach nicht Hocharabisch, sondern in ägyptischem Dialekt. Er ließ erkennen, dass ihm angesichts der andauernden Proteste langsam die Geduld ausgeht. Er sagte aber auch: „Es ist genug Raum für alle.“ Wer Ägypter ist, aber nicht für Sisi, der glaubt ihm derzeit nicht.

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