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95. Geburtstag von Nelson Mandela : Die Gegner bezwingen, ohne sie zu entehren

  • -Aktualisiert am

Nelson Mandela ebnete den Weg zur Aussöhnung von Schwarzen und Weißen in Südafrika. Das Bild zeigt ihn im letzten Jahr seiner Präsidentschaft 1999. Bild: Frank Röth

Der schwer kranke Nelson Mandela wird an diesem Donnerstag 95 Jahre alt. Südafrika und die ganze Welt feiern den Geburtstag einer lebenden Legende, eines Kämpfers für Menschenrechte, Menschenwürde und Versöhnung.

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          Bei seinem Südafrika-Besuch sagte der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten, Mandela habe ihn in die Politik gezogen, und Barack Obama dürfte da nicht der Einzige sein. Mandela ist die Vaterfigur eines Landes, das ihm das Ende von Unterdrückung und Rassentrennung verdankt. An Nelson Mandelas fünfundneunzigstem Geburtstag bangt Südafrika um den ersten schwarzen Präsidenten des Landes. Seit fast sechs Wochen liegt Mandela schwer krank in einer Klinik. In aller Welt wird sein Geburtstag gefeiert: in Melbourne mit einem Konzert, in Paris mit einem Gratulationsbanner am Eiffelturm, in New York mit einer Sondersitzung der UN-Vollversammlung. Millionen Schulkinder singen an diesem Donnerstag, dem wohl einzigen Geburtstag, den die Vereinten Nationen zu einem Feiertag, dem Mandela-Day, erklärten, ihr „Happy Birthday“: in Südafrika an allen Schulen morgens um acht Uhr.

          Ein Kind hält eine Geburtstagskarte für Südafrikas Volksheld Nelson Mandela in Händen

          Mandela hat viele Seiten. Er war Kämpfer für Menschenrechte und Menschenwürde. Aus dem Untergrund und aus der Haft heraus, als Präsident des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) predigte er Südafrika Versöhnung. Seine Kinder und Enkel lernte er erst kennen, als sie erwachsen waren und er 1990 aus 27 Jahren Haft entlassen wurde. Er ist ein verbindlicher Mensch, der bei aller Entschiedenheit ein offenes Ohr und einen wunderbaren Sinn für Humor hat - er konnte aber auch mit Eiseskälte zurückschlagen, wenn er sich hintergangen fühlte. Er ist als Angehöriger einer königlichen Familie ein abgehobener Patriarch. Vor allem aber ist er der Staatsmann, der mit seiner Aura und getragenen Art weißen Südafrikanern den Übergang in eine Gesellschaft erleichterte, in der sie nicht mehr bestimmten und herrschten, und radikale junge Schwarze von Unbesonnenheiten abhielt. Diese Politik der Versöhnung setzte er fort in seinen fünf Jahren als erster schwarzer und erster demokratisch gewählter Präsident Südafrikas zwischen 1994 und 1999, als Geburtshelfer einer schwierigen Nation.

          „Der lange Weg zur Freiheit“

          Anschließend vermittelte der Häuptlingssohn - der vor der dörflichen Tradition in die Großstadt Johannesburg floh und die erste schwarze Anwaltskanzlei gründete - in Konflikten. Der Friedensnobelpreisträger warnte vor Aids, half mit seinem Kinderfonds und ließ Schulen in abgelegenen Dörfern bauen. Erst seine dritte Frau Graça Machel, die ihm an Ausstrahlung und Geist ebenbürtige Witwe des moçambiquanischen Präsidenten, brachte ihm in seinen späten Jahren das Glück, das er zuvor zugunsten des Kampfes um Freiheit zurückgedrängt hatte. Auch als „alternder Pensionär“ - so verspottete er sich bisweilen selbst - wurde er von Jubelnden (immer mehr auch von Weißen) umgeben und von Respekt. Nicht nur seine Lebensleistung, auch seine hoch aufgeschossene Gestalt und seine intensive Ausstrahlung führten dazu, dass jeder aufstand, wenn er einen Raum betrat.

          Zweimal war Nelson Mandela seinen Mitstreitern voraus. Er drängte Anfang der sechziger Jahre den ANC zum bewaffneten Widerstand; und er begann 1985 aus der Haft heraus Verhandlungen mit der Regierung, ohne sich auch nur mit seinen engsten Vertrauten abzustimmen. Das trug dazu bei, dass die Regierung in Pretoria Vorbehalte abbaute und sich für einen Machtwechsel am Kap rüstete. Seine Autobiographie „Der lange Weg zur Freiheit“ beschreibt diese Abläufe voller Demut und Kraft, und auch Lebensweisheit. Vieles findet seine Wurzeln in seiner Jugend - seine ausgesuchte Höflichkeit gegenüber jedermann, sein Verständnis von Demokratie, von Führung und für Minderheiten, seine Zugeneigtheit zu England, die Liebe zur Gärtnerei und zur Natur.

          Ruhm fast mythischen Ausmaßes

          Sein Buch mit einem präzisen Gedächtnis für Stimmungen und Nuancen enthüllt und verhüllt als eine der großen Politikerautobiographien des vorigen Jahrhunderts sein Vermächtnis - und es unterschlägt seinen Starrsinn nicht. Ein Kernsatz wurde zum Leitmotiv: Schon als Junge lernte ich, meine Gegner zu bezwingen, ohne sie zu entehren. Er veröffentlichte das Werk 1994, als er auf dem Höhepunkt seines Ruhms mit fast mythischem Ausmaß stand. Nicht wenige hielten Nelson Rolihlahla Mandela damals, vielleicht auch noch heute, für den berühmtesten lebenden Menschen.

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