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20 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda : Der schnellste Genozid der jüngeren Geschichte

  • -Aktualisiert am

„Ich habe von ganzem Herzen verziehen“: Cécile Mukagasana sitzt in Mbyo neben dem Nachbarssohn Bild: AFP

Cécile Mukagasana und Fréderic Kazigweno wohnen Haus an Haus. Während des Völkermords an den Tutsi vor 20 Jahren war er Täter, sie Opfer. Am Gartenzaun begegnen sich die beiden – zur staatlich verordneten Versöhnung.

          Wenn Cécile Mukagasana über den halbhohen Zaun aus Weidensträuchern schaut, der ihr kleines Haus von dem des Nachbarn trennt, sieht sie einen verurteilten Mörder. Und vermutlich sieht sie sich selbst vor 20 Jahren, wie sie um ihr Leben rennt vor Männern wie Fréderic Kazigweno. Mukagasana ist eine Tutsi; eine der wenigen, die den Völkermord in Ruanda überlebten. Kazigweno, ihr Nachbar, ist ein Hutu und damit einer der Täter. In ihrer Nachbarschaft sind die beiden ein Experiment mit unbekanntem Ausgang.

          Kazigweno ist bereit, über den Völkermord und seine eigene Rolle dabei Auskunft zu geben. Aber nur, wenn Mukagasana dabei sei. Die feingliedrige Frau nimmt auf einem Stuhl neben Kazigweno Platz, und wenn man die beiden so sieht, entsprechen sie genau dem Klischee der von den deutschen und später den belgischen Kolonialherren formulierten Rassenlehre: der Hutu klein, gedrungen und kräftig, die Tutsi hochgewachsen und zerbrechlich wirkend. Dass dieses Klischee durch Millionen von Mischehen längst nur noch ein Vorurteil ist, macht diesen Völkermord noch ein Stück unbegreiflicher.

          Am kommenden Montag jährt sich zum 20. Mal der Beginn des Völkermordes in Ruanda. Zwischen 800.000 und einer Million Tutsi wurden in den 100 Tagen zwischen dem 7. April 1994 und Mitte Juli auf bestialische Weise von den Hutus umgebracht, weil das Hutu-Regime von Präsident Juvénal Habyarimana seine eigene „Endlösung“ für die seit Jahrzehnten schwelenden ethnischen Spannungen in Ruanda beschlossen hatte. Es war der schnellste Genozid der jüngeren Geschichte, der erst mit dem Sieg der aus Uganda einmarschierten Tutsi-Rebellenarmee unter ihrem Kommandeur Paul Kagame endete. Unzählige Bücher sind seither in dem Versuch geschrieben worden, das Unbegreifliche zu verstehen, doch die Frage, wie ein Mensch disponiert sein muss, um seine eigenen Kinder und die Ehefrau zu töten, weil sie Tutsi sind, bleibt trotzdem unbeantwortet.

          Ein Mörder zwar, aber nur ein Mitläufer

          Kazigweno berichtet mit monotoner Stimme von diesem Morgen des 7. April 1994, als die staatlichen Radiosender zum Massenmord aufriefen. Ruandas Präsident Juvénal Habyarimana war in der Nacht zuvor mit seinem Flugzeug über Kigali abgeschossen worden, und das musste das Werk der Tutsi gewesen sein. Dabei ist bis heute ist nicht klar, wer die Präsidentenmaschine vom Himmel holte. „Uns wurde befohlen, die ‚Kakerlaken’ umzubringen. Genau das haben wir gemacht“, erzählt Kazigweno. Wie viele Menschen er ermordet hat, will er nicht sagen. „Welche Rolle spielt es schon, ob es fünf oder zehn waren?“ Die Blicke der Tutsi-Nachbarin sind derweil fest auf die kräftigen Hände und die genauso stark wirkenden Arme des Hutus gerichtet. Stellen sie sich gerade vor, mit welcher Wucht dieser Mann eine Machete schwingen kann?

          Ihr Nachbar Fréderic Kazigweno sammelt unterdessen Gras für seine Kühe

          Seine Nachbarin, Mukagasana, war auf der Empfängerseite dieses kollektiven Irrsinns. 35 Familienangehörige verlor sie an die Mörder, ihre eigene Geschichte ist die typische Odyssee der Gejagten: Vor den mörderischen Nachbarn war sie zunächst in eine Kirche geflohen, und als diese angegriffen wurde, war sie nachts weitermarschiert bis sie in Burundi war, nur um festzustellen, dass die burundischen Hutus ihr genauso nach dem Leben trachteten wie die ruandischen. Erst in Tansania fand sie ein wenig Ruhe, dafür grassierte in dem Flüchtlingslager die Cholera.

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