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Afrika und die Corona-Pandemie : Ist die Medizin verheerender als die Krankheit?

  • -Aktualisiert am

Desinfektionsmaßnahmen am Jomo Kenyatta International Airport in Kenias Hauptstadt Nairobi. Bild: Reuters

Auch afrikanische Länder verhängen drastische Maßnahmen gegen die Pandemie. Doch manche warnen vor den negativen Folgen, die die Einschränkungen haben könnten: Die Wirtschaften brechen zusammen.

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          Für Malis Premierminister Boubou Cissé geht es um nichts weniger als „das Überleben der Nation“. Am Sonntag soll in dem westafrikanischen Staat mit seinen knapp 20 Millionen Einwohnern ein neues Parlament gewählt werden. Business as usual trotz Terror und Corona? Zweifel am Sinn wischen Präsident und Premier beiseite. Dabei deuten Umfragen auf eine Wahlbeteiligung von gerade einmal 20 Prozent hin.

          Die Menschen haben Angst vor den Islamisten, und sie haben Angst vor dem Coronavirus. Lange Zeit war Mali eines der wenigen Länder weltweit ohne einen einzigen bestätigten Fall von Sars-CoV-2. Am vergangenen Mittwoch wurden die ersten beiden Fälle gemeldet. Auch wenn die offiziellen Zahlen in Afrika immer noch niedrig sind – auf dem gesamten Kontinent wurden bislang rund 3000 Fälle registriert –, wirken die apokalyptischen Bilder aus Europa. Wenn am Sonntag in Mali gewählt wird, werden die meisten Menschen wohl in ihren Häusern bleiben.

          Wie viele andere afrikanische Länder hat Mali im Kampf gegen das Coronavirus nun eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Das Wirtschaftsleben in dem bitterarmen Staat ist zum Erliegen gekommen. Die Bevölkerung treffen die Maßnahmen hart. Das Durchschnittseinkommen liegt bei etwas mehr als 900 Dollar im Jahr. Weite Teile des Landes werden von Banditen, Stammesmilizen oder Dschihadisten kontrolliert. Mehr als 215.000 Binnenflüchtlinge irren durch das Land. Gerade in letzter Zeit häufen sich islamistische Angriffe. Ein Zusammenbruch der ohnehin schwachen Wirtschaft könnte das Land vollends in den Abgrund stürzen, befürchten Beobachter.

          Ein Ökonom warnt vor gewaltsamen Unruhen und Hunger als Folge der Corona-Bekämpfung

          Aufgrund mangelnder Tests könnte das Coronavirus in Afrika schon weiter verbreitet sein, als die offiziellen Zahlen es nahelegen. Dennoch schrieb der Südafrikaner Seán Mfundza Muller in einem vielbeachteten Aufsatz über die Maßnahmen, die jetzt getroffen werden: „Die Medizin könnte verheerender sein als die Krankheit.“ Muller ist Dozent am Public and Environmental Economics Research Centre der Universität Johannesburg. „Die Geschichte zeigt, dass Erschütterungen der Wirtschaft die Sterblichkeitsrate nach oben treiben“, so der Ökonom. Er warnt vor gewaltsamen sozialen Unruhen und Hunger und sagt: „Auch Armut tötet.“

          In Südafrika, mit 927 bestätigten Corona-Fällen das am stärksten betroffene afrikanische Land, sollte der „totale Lockdown“ um Mitternacht an diesem Freitag beginnen. Bis zum 16. April dürfen die Menschen praktisch nur noch für Arztbesuche oder Einkäufe auf die Straße. Militär patrouilliert. Die kommenden Tage seien entscheidend, sagte Präsident Cyril Ramaphosa im Fernsehen: „Ohne einschneidende Maßnahmen wird die Zahl der Infizierten schnell steigen: von einigen hundert auf Zehntausende, und innerhalb von ein paar Wochen werde es Hunderttausende sein.“ Das sei „extrem gefährlich“ insbesondere für ein Land wie Südafrika, „in dem viele Menschen ein durch Tuberkulose und HIV, Armut und Unterernährung geschwächtes Immunsystem“ hätten.

          Auch andere afrikanische Länder reagierten auf die drohende Gefahr heftig. In Nigeria, einem Land mit 200 Millionen Einwohnern und bislang 65 bestätigten Corona-Fällen, breitet sich derzeit das Militär darauf vor, zur Not Infizierte gewaltsam in die Krankenhäuser zu transportieren. In Vergessenheit gerät, dass der westafrikanische Staat seit Jahren unter einer Ausbreitung des hämorrhagischen Lassa-Fiebers leidet. Zwischen 2015 und 2019 stieg die Zahl der mit dem todbringenden Virus Infizierten stark an, von 56 im Jahr 2015 auf 810 im vergangenen Jahr. Und allein bis Mitte März 2020 wurden bereits 774 neue Lassa-Fälle gemeldet, 132 Menschen starben. Mit der Einschränkung des internationalen Reiseverkehrs erreichen nun auch immer weniger dringend benötigte Medikamente und Mediziner das Land. Selbst die Nothilfe-Experten der Weltgesundheitsorganisation sitzen in ihrem Afrika-Hauptquartier in Kongo-Brazzaville fest. Labormaterialien und Schutzkleidung können nicht verteilt werden.

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